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Diese Rezension ist erschienen in:

die tageszeitung (Berlin)

Copyright: contrapress media GmbH
TAZ Nr.4575 Seite 14 vom 21. März 1995

Das Buch

Nation als Fiktion

besprochen von: Zafer Senocak

Spärlich sind auf dem deutschen Buchmarkt bislang zuverlässige Informationen zur kurdischen Frage. Diese Lücke, vor allem was die historische Dimension des Konflikts betrifft, schließt eine wissenschaftlich fundierte Studie zum „Nationalismus in Kurdistan“.

Ausgehend von der Frage, wer die Kurden sind, problematisiert der Autor den Begriff der kurdischen Nation. Er macht dabei zwei Dinge deutlich. Erstens: Nationalismus war im gesamten Osmanischen Reich ein „Fremdimport“, Nationenbildung Angelegenheit von kleinen Eliten, die ihre Ideologie nur mit Gewalt durchsetzen konnten. Zweitens: Die kurdische Gesellschaft ist ein komplexes und heterogenes Gebilde.

„Der Begriff ‚die Kurden‘ verdeckt mit seinem nationalisierenden Zugriff gerade jene Heterogenität, die eigentlich das Wesentliche der kurdischen Gesellschaft ausmachte.“

Behrendts Untersuchung ist historisch angelegt. Dabei wird deutlich, wie eng verwoben die kurdische Geschichte mit der Geschichte des Osmanischen Reiches ist. Das 19. Jahrhundert wird im Osmanischen Reich zum Zeitalter der Reformen. Das Reich öffnet sich dem Einfluß des Westens. Die Trennlinie zwischen Muslimen und Nichtmuslimen wird zumindest theoretisch aufgehoben. Durch die Modernisierung entsteht ein neues Staatsbürgerschaftsverständnis, das alle auf osmanischem Territorium lebenden Menschen, unabhängig von ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit zu osmanischen Bürgern erklärt. Durch diese Reformen entstehen Keimzellen für neue Scheidelinien, so z.B. zwischen den überwiegend muslimischen Türken und Kurden. Sie ersetzen jedoch keineswegs die alten Bruchlinien zwischen Christen und Muslimen. Die Reformen verstärken nachhaltig das bereits bestehende Gefälle zwischen dem Zentrum in Istanbul und der Peripherie in Kurdistan. Behrendts Untersuchung macht deutlich, wie wichtig es wäre, die historischen Dimensionen des gegenwärtigen Konflikts in die Debatten einzubeziehen. Denn der Fiktion von der kurdischen Nation steht die Fiktion von der türkischen Nation gegenüber. Die Gründungsgeschichte der Türkischen Republik wird bis heute von der offiziellen Geschichtsschreibung in der Türkei verklärt und verzerrt dargestellt. Als es 1925 zum ersten großen Aufstand der Kurden kam, standen sich nicht Türken und Kurden gegenüber, sondern verschiedene Fiktionen von nationaler Einheit, die jeweils von einer kleinen Machtelite vertreten und gefördert wurden.

Günter Behrendt: „Nationalismus in Kurdistan. Vorgeschichte, Entstehungsbedingungen und erste Manifestationen bis 1925“. Schriften des Deutschen Orient-Instituts, Hamburg 1993, 454 Seiten, 42 DM

Zafer Senocak

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