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Diese Rezension ist erschienen in:

Orient (Hamburg)

1995 (Jg.36 Heft 1) S.142-145

besprochen von: Rüdiger Robert

Günter Behrendt: Nationalismus in Kurdistan. Vorgeschichte, Entstehungsbedingungen und erste Manifestationen bis 1925. Deutsches Orient-Institut, Hamburg 1993. 454 S. (Politik, Wirtschaft und Gesellschaft des Vorderen Orients) ISBN 3-89173-029-2

Der Kurdenkonflikt ist in Deutschland spätestens seit der Übertragung auf die Innenpolitik und seit dem Verbot sämtlicher mit der „Arbeiterpartei Kurdistans (PKK)“ zusammenhängenden Organisationen in aller Munde, Ängste und Hoffnungen, Urteile und Vorurteile, aber auch Verurteilungen und Lösungsvorschläge sind in diesem Zusammenhang rasch bei der Hand. Selbst dort, wo nicht tagespolitische Aktualität die Auseinandersetzung mit den Kurden und der kurdischen Gesellschaft bestimmt, sind es vielfach westliche, dazu rein gegenwartsbezogene Kriterien, die zur Analyse der Geschichte und des Verlaufs des Kurdenkonflikts herangezogen werden.

In dieser Situation kommt die überarbeitete Fassung der Dissertation von Günter Behrendt über die kurdische Gesellschaft im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert sowie die Bedeutung des Nationalismus in ihr wie gerufen. Der Leser wird in der ausgezeichnet recherchierten Arbeit nicht nur mit der Frage „Wer sind die Kurden und was ist die kurdische Gesellschaft?“ konfrontiert. Er wird nicht nur an das schwierige Problem der Anfänge des kurdischen Nationalismus herangeführt, sondern unweigerlich auch mit dem eigenen, und das heißt westlichen Verständnis von Nation und Nationenbildung konfrontiert. Die Gebundenheit derartiger Kategorien an spezifische sozio-historische Gegebenheiten wird klar herausgearbeitet. So weist der Verfasser auf die Umwälzung der Produktionsverhältnisse in Richtung auf industrielle Massenproduktion, auf die Entstehung von versachlichten, entpersonalisierten Herrschaftsformen, auf die Herausbildung eines Mindestmaßes an gesellschaftlicher Homogenität und Identität als wesentliche, aber vielfach nicht reflektierte Bestandteile eines „gängigen“ Verständnisses von Nation und Nationenbildung hin. Dieses Verständnis anstands- und ansatzlos auf die kurdische Gesellschaft und den Kurdenkonflikt zu übertragen, hält Behrendt für falsch, eine Auffassung, die er an immer wieder neuen Beispielen aus der Geschichte belegt und begründet.

Bereits bei der Beantwortung der Frage nach „den Kurden“ und „der kurdischen Gesellschaft“ zeigt der Autor, daß es unangemessen ist, sich dabei in den breit ausgetreten Pfaden europäischer Nationendiskussion zu bewegen. Ohne in Zweifel zu stellen, daß die Kurden als Nation heute eine gesellschaftliche Realität darstellen – auch wenn sich diese Nation noch in einem Stadium des Unvollendetseins befindet –, muß seiner Meinung nach doch festgehalten werden, wie sehr eben diese Nation ein Produkt der jüngsten, der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist. Die Wesensbestimmung der seit langem bestehenden kurdischen Gesellschaft sieht Behrendt in erster Linie in einem komplexen Zusammenhang äußerst heterogener sozialer Gruppen. Ökologisch konstituierend gilt ihm dabei der extreme Lebensraum des Hochgebirges von Taurus und Zagros. Historisch entscheidend hält er für die kurdische Gesellschaft die tribale Organisationsform einer als Halb- und Bergnomaden dominierenden sozialen Schicht. Diese wiederum ist für ihn gekennzeichnet durch die spezifische Form des „kleinen“ Nomadismus, den er im Unterschied zum Langstreckennomadismus nicht primär als auf der Nutzung des Kamels oder Dromedars, sondern als auf der Nutzung des Esels und Ochsen als Wanderungtier beruhend definiert.

Ausgehend von einem solchen Kurdenverständnis erweist sich die Themenformulierung der Arbeit von Behrendt „Vorgeschichte, Entstehungsbedingungen und erste Manifestationen des Nationalismus in Kurdistan bis 1925“ als durchaus kühnes Unterfangen. Es hat seinen Sinn nur dann, wenn als Ziel der Untersuchung die Absicht formuliert wird, „... nationalistische Mythenbildung und Geschichtsumschreibungen durch Konfrontation mit beweisbaren Fakten als das offenzulegen, was sie sind, nämlich bestimmte Weisen, die Welt im Kopf neu zu konstituieren“ (S.13). Und genau diesem Ziel widmet sich Behrendt in seiner Arbeit nicht nur mit Fleiß und Hingabe, sondern auch mit Erfolg.

Versuche, die Entwicklung der kurdischen Gesellschaft unter dem Vorzeichen des Osmanischen Reiches bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts in Form einer Rückprojektion heutiger Analysen über den „kolonialen“ Status Kurdistans zu interpretieren, weist Behrendt überzeugend zurück. So habe es – wie einige Nationalisten in der Gegenwart behaupten – weder eine durchgängige, die kurdische Gesellschaft betreffende Zentralisierungstendenz im Osmanischen Reich seit 1515 gegeben, noch sei es gerechtfertigt, ohne differenzierende Erläuterung von einer Teilung Kurdistans im Jahre 1639 zu sprechen. Die Hoheit über ein „legal abgegrenztes Territorium“ habe bei dem seinerzeitigen Friedensschluß zwischen Osmanischem und Persischem Reich niemals zur Diskussion gestanden. Auch habe Kurdistan als kollektiver Wohnsitz einer verbindlich gefühlten Zusammengehörigkeit von Menschen nicht existiert.

Das Aufkommen erster Nationalismen im Osmanischen Reich ist – wie Behrendt in Übereinstimmung mit anderen Autoren feststellt – im 19. Jahrhundert im Westteil des Reiches erfolgt. Allerdings hatte seiner Meinung nach selbst die Loslösung Griechenlands von der Hohen Pforte nur sehr bedingt ihre Ursache in der Kraft eines virulent gewordenen Nationalismus. Fernab von den urbanen Zentren mit ihrer zahlenmäßig geringen nationalistischen Avantgarde sei Kurdistan zudem von der Entstehung eines derartigen Nationalismus unberührt geblieben. Eine deutliche Absage erteilt der Verfasser deshalb auch der Interpretation kurdischer Emirate des 19. Jahrhunderts – darunter Soran und Botan – als frühen Ausdruckformen eines umfassenden kurdischen Selbständigkeitsstrebens. Bedir Khan, mitunter als erster wahrhaft nationaler Führer Kurdistans gepriesen, habe die Kurden keineswegs als präexistente Wesenseinheit aufgefaßt, sondern wie andere Potentaten in der Vergangenheit nur ein Ziel vor Augen gehabt, nämlich die Schaffung eines möglichst großen Emirats Botan unter seiner Herrschaft. In einer Zeit der Schwäche der Zentralgewalt habe Bedir Khan seinen Herrschaftsradius ausdehnen können, nur um dann ebenso „natürlich“ wie die anderen kurdische Emirate Mitte des 19. Jahrhunderts den Rezentralisierungstendenzen des osmanischen Staatsapparates zum Opfer zu fallen. Ein ganz „normaler Vorgang“ aus der Sicht von Behrendt, der allerdings eine bemerkenswerte Folge gehabt habe: das Zerbrechen der fragilen Kräftebalance der kurdischen Gesellschaft und daraus resultierend ein unentrinnbarer Strudel allseitiger Konflikte zwischen sich permanent befehdenden und bekämpfenden Stämmen. Zugleich sei daraus – mittelbar gestützt durch das Landgesetz von 1858 – eine neue einheimische Machtelite, die Sheikhs, erwachsen. Von dieser Elite wiederum sei die Struktur der kurdischen Gesellschaft zwischen 1850 und 1950 nachhaltig geprägt worden.

Diese neue Elitenbildung war indes, wie Behrendt darlegt, nicht geeignet, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Entwicklung einer festgefügten kurdischen Identität beizutragen. Eher sei das Gegenteil der Fall gewesen. Auch habe sich nach dem Krimkrieg die sozio-kulturelle Kluft zwischen Zentrum und Peripherie im Osmanischen Reich weiter geöffnet, so daß in Kurdistan kein Raum für die Entstehung eines wie auch immer gearteten Nationalismus bestanden habe. Der mitunter ebenfalls als Startpunkt moderner kurdischer Nationalbewegung angenommene Aufstand des Sheikh Ubeydullah 1880 kann deshalb – Behrendt zufolge – trotz taktisch bedingter nationalistischer Anklänge nicht in den Begriffen einer politschen Assoziation auf der Grundlage einer entpersönlichten, übergeordneten Zielsetzung („Unabhängigkeit Kurdistans“) beschrieben werden. Es sei vielmehr der erste von zahlreichen Versuchen eines Sheikhs gewesen, „... seine auf eine neue Legitimitätstradition aufbauende gesellschaftliche Führungsstellung in eine staatlich anerkannte weltliche Herrschaft zu verwandeln“ (S. 220). Diese Auffassung von der Nichtexistenz eines kurdischen Nationalismus hält Behrendt bis zum Ende des 19. Jahrhunderts aufrecht. Sie ist für ihn auch deshalb plausibel, weil das Osmanische Reich in seiner gesamten östlichen Peripherie nach 1850 nicht kraft despotischer Machtfülle geherrscht habe, sondern nur dank einer mehr oder minder kunstvoll betriebenen Politik der Zersplitterung und Ausbalancierung der lokalen und regionalen Machtzentren und Machtaspiranten. Auch die Entstehung des armenischen Nationalismus sei von den Kurden letztlich eher als eine Repressalien und Pogrome rechtfertigende Bedrohung überlieferter gesellschaftlicher Strukturen denn als Aufforderung zu einem eigenständigen kurdischen Nationalismus empfunden worden. Allerdings habe die Bildung von Hamidiye-Milizen der vorübergehenden Schaffung neuer kurdischer, dann aber vergleichsweise fest in das osmanische Gesamtsystem eingefügter „Provinzfürstentümer“ Vorschub geleistet.

Die Formierung erster explizit kurdischer Organisationen im 20. Jahrhundert stellt sich für Behrendt nicht als Ergebnis einer Volkserhebung, sondern als Resultat eines aristokratischen, von der jungtürkischen Revolution 1908 beeinflußten Spiels dar. Als zumeist hauptstädtische Avantgarde mit eher bescheidenen kulturell-nationalen Ambitionen habe es eine Rückkoppelung zu den ländlich Eliten, geschweige denn zu den Massen der kurdischen Gesellschaft nicht gegeben. Im übrigen seien – so der Verfasser – die Hauptscheidelinien innerhalb der osmanischen Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg auch nach dem endgültigen Scheitern des Osmanismus 1913 nicht zwischen „Türken“, „Araber“, „Kurden“ oder „Armeniern“, sondern immer noch zwischen Muslimen und Ungläubigen sowie zwischen der Eliteschicht der Lese- und Schreibkundigen auf der einen und der überwältigenden Mehrheit der Analphabeten auf der anderen Seite verlaufen. Für eine kurdisch-nationale Perspektive hätten sich infolgedessen bis 1914 höchstens ein paar Dutzend Menschen – zumeist Intellektuelle – aktiv eingesetzt.

Das Resultat des Ersten Weltkriegs bestand für die kurdische Gesellschaft nicht nur in gewaltigen Bevölkerungsverlusten, auch nicht nur in einer massiven Zerstörung der Infrastruktur, sondern in der Vernichtung des gesamten christlichen Sektors der kurdischen Gesellschaft durch Ermordung und Vertreibung. Bemühungen des mit der Kürdistan Teali Cemiyeti in Verbindung stehenden Sherif Pasha, ein autonomes Kurdistan unter gleichzeitiger Hinnahme eines armenisch-christlichen Staates auf ehemals osmanischem Territorium und unter britischem Protektorat zu errichten, scheiterten. Statt dessen kam es nach 1918 mit der kemalistischen Bewegung zu einer gemeinsamen Abwehrfront gegen großarmenische Gebietsansprüche, zu einem Kampf um die Erhaltung Kurdistans im Rahmen einer Verteidigung von Sultanat und Kalifat. Urbane Notabeln beteiligten sich daran ebenso wie lokale Stammesführer.

Die für die kleine Schar kurdischer Nationalisten ungünstige Situation dauerte – wie Behrendt detailliert ausführt – bis 1923 an, da sich die traditionellen Spitzen der kurdischen Gesellschaft nicht unterdrückt oder diskriminiert, sondern zunächst als gleichberechtigte und hochgeschätzte Bündnispartner innerhalb des verbliebenen Osmanischen Reiches betrachteten. Erst mit dem vollen Durchbruch des Kemalismus, der Ausrufung der Republik, dem Versuch zur „Laizisierung“ der Türkei, dem einsetzenden autoritären Zentralstaatlichkeitsdenken Ankaras sei es zur Formierung einer kurdisch-nationalistischen Geheimorganisation, der Azadi, gekommen. Getragen von Militärs, städtischen Würdenträgern, Intellektuellen und Stammeschefs seien die Mitglieder der Azadi nicht bereit gewesen, sich mit dem „türkischen“ Entwicklungsweg abzufinden und die radikale Abkehr vom islamischen Gesellschaftsmodell mitzutragen. Das Scheitern dieser brutal unterdrückten Bewegung sei jedoch vorgeprägt gewesen. Als erste – wie Behrendt vielleicht etwas zu pointiert formuliert – „lupenreine“ politisch-nationalistische Bewegung habe sie mit ihrem Nationalismus für eine Zukunft, nicht für die Verteidigung eines Ist-Zustandes optiert. Damit habe sie weitgehend isoliert dagestanden. „Das ‚Volk‘, dessen Wohl sie sich mit aufrichtigem Idealismus widmen wollten, war für diese Perspektive ‚noch nicht bereit‘. Es war, um es im nationalistischen Jargon zu sagen, ‚noch nicht zu nationalem Bewußtsein erwacht‘“ (S.372) Von der massiven Unterdrückung der Azadi allerdings weist für Behrendt ein direkter Weg in die Gegenwart. So finde der kurdische Nationalismus Massenakzeptanz bis heute vielfach weniger durch einen sich selbst tragenden wirtschaftlichen und sozialen Modernisierungsprozeß als vielmehr durch den Massenprotest gegen türkischen Staatsterror: eine ernste und zutreffende Mahnung an die Machthaber in der Türkei.

Insgesamt ist die Arbeit von Günter Behrendt, für die die Bezeichnung „Werk“ sicherlich nicht unangebracht ist, eine Fundgrube für eine systematische inhaltliche Auseinandersetzung mit der Geschichte und damit auch Gegenwart des Kurdenkonflikts. Das gilt nicht nur für die gut aufgearbeitete Materialfülle, sondern vor allem auch für die Nachdenklichkeit, für die Kraft der Analyse, mit der Behrendt sich an die Auswertung der vorliegenden Fakten herangewagt hat. Mag der „Kurdenexperte“ vielleicht die ein oder andere Detailkritik an den Überlegungen des Autors vortragen, für jeden, der sich mit der Kurdenfrage jenseits flüchtiger Tagesberichterstattung befaßt, muß die vorliegende flüssig und doch anspruchsvoll geschriebene Arbeit als Pflichtlektüre gelten.

Rüdiger Robert
Institut für Politikwissenschaft / Universität Münster

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