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Diese Rezension ist erschienen in:

Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (Stuttgart)

1996 (Jg.146 Heft 2) S.659-662

besprochen von: Ludwig Paul

GÜNTER BEHRENDT: Nationalismus in Kurdistan. Vorgeschichte, Entstehungsbedingungen und erste Manifestationen bis 1925. Hamburg: Deutsches Orient-Institut 1993. 454 pp.

Das hier zu besprechende Buch, die überarbeitete Fassung einer 1992 abgeschlossenen Dissertation, stellt eine der wichtigsten Publikationen der letzten Jahre zur kurdischen Geschichte und Politik dar. Es ist im wesentlichen chronologisch gegliedert: Den kürzeren Kapiteln „Einleitung“ und „Definitionen“ folgen ein Kapitel zur früheren kurdischen Geschichte (bis zum 18. Jh.) und dann die zwei Hauptkapitel des Buches zum 19. bzw. 20. Jahrhundert; letzteres endet mit dem kurdischen Aufstand unter Sheikh Sait gegen die Türkische Republik und dessen Niederschlagung (1925). Schlußkapitel und umfangreicher Anhang (Literaturverzeichnis, Indices u.a.) runden das Werk ab.

In Kap.1 (Einleitung) nennt B. Motivation, Methoden und Ziele seiner Arbeit. Er will durch die Aufarbeitung des bisherigen Schrifttums, und damit verbunden durch eine „Kritik der Begriffe Nation/Nationalismus im Zusammenhang der Entwicklung der kurdischen Gesellschaft“ (S.13), die „Ergebnisse der neueren Nationalismus- und Ethnizitätsforschung fruchtbar machen für die Erforschung der Entwicklungsgeschichte ... des kurdischen Nationalismus“ (S.15). Die Aufarbeitung des bisherigen Schrifttums schließt die Hinterfragung vieler von Teilen der heutigen kurdologischen Forschung als gegeben hingenommener Zusammenhänge ein, vor allem die Frage, ob bzw. seit wann eine kurdische „Nationalbewegung“ in heutigem Sinne überhaupt existiert.

In Kap.2 (Definitionen) prüft B. eingehend, inwiefern gängige Kriterien zur Bestimmung einer „Nation“ (wie Sprache, Religion, Herkunft u. a.) auf die Kurden anwendbar sind, und kommt zu dem Ergebnis, daß keines dieser Kriterien, und auch keine Kombination aus diesen, den Begriff „Kurdisches Volk“ eindeutig zu definieren vermögen; deshalb ist „das Kurdische Volk“ kein voraussetzungslos gegebener, auf jeden Abschnitt der Geschichte anwendbarer Begriff (S.39). B. spricht im folgenden lieber von der „Kurdischen Gesellschaft“, die er definiert als Kombination von „Berg- und Halbnomadismus“ (S.42) mit „tribaler Organisationsform“ (S.44). B. selbst gibt allerdings zu, daß auch ein solchermaßen definiertes „Sozialgebilde“ eine „sehr wechselhafte Ausdehnung hat“ (S.50). Auf S.51 folgt der wichtige Hinweis, daß B. die im Buchtitel enthaltene Bezeichnung „Kurdistan“ in „strikt geographischem Sinne“, d.h. ohne politische Implikation verwendet.

In Kap.3 (Die Entwicklung der kurdischen Gesellschaft bis zum 19. Jahrhundert) skizziert B. die historischen Bedingungen von der islamischen Eroberung an, unter denen sich die kurdische Gesellschaft entwickelte. Hierbei sind für B.'s Fragestellung vor allem die Gesellschaften des „Osmanischen und Persischen Reiches“ wesentlich, in welche die „[kurdischen] Emirate ... über Jahrhunderte hinweg ... eingebettet waren“ (S.53). Dabei stellt B. dem „seßhaft-bürokratischen“ osmanischen das eher „nomadisch-tribale“ Modell der safawidischen Gesellschaft gegenüber (S.96). Obwohl die kurdischen Stammeskonföderationen somit in ihrer Sozialstruktur eigentlich den Safawiden näherstanden, gelangten sie letztendlich weitgehend unter osmanische Herrschaft. B. erklärt dies durch die „von den Safawiden praktizierte kompromißlose Unterwerfungspolitik [Nomadenstämmen gegenüber]“ (S.98), welche die kurdischen Stammeschefs veranlaßte, Schutz bei den Osmanen zu suchen. Denn diese begnügten sich zunächst mit der nominellen Hoheit über eine Region, in der ein „autonom herrschender, dafür aber reichlich Tribut zahlender Vasall“ die „kostengünstigste Lösung“ (S.103) darstellte.

Kap.4 (Das 19. Jahrhundert) beginnt mit einem Exkurs über die zu Ende des 18. Jahrhunderts im Osmanischen Reich entstehenden serbischen und griechischen Nationalismen. Deren Grundmuster ist eine fern der Heimat erzogene „zahlenmäßig geringe nationalistische Avantgarde“, deren „Zusammentreffen mit traditionellen lokalen Führern“ sowie der Versuch, zum Aufstand bereiten Massen eine „nationale Mission überzustülpen“; all dies ist auch „im Falle des kurdischen Nationalismus wiederzufinden“ (S.145). Die ersten historisch greifbaren regionalen Erhebungen kurdischer Führer, wie z.B. die des Emirs Bedir Khan von Botan in den 30er Jahren des 19. Jh.s, waren keineswegs „nationaler“ Natur, sondern lediglich „in einer Zeit der Schwäche der Zentralgewalt“ vorübergehend ausgedehnte „Herrschaftsradien“ (S.173). Gegen Mitte des 19. Jhs. unterwirft die osmanische Zentralgewalt schließlich wieder die meisten Provinzen ihrem direkten Zugriff (a.a.O.); mit dieser „Beseitigung der mehr oder weniger unabhängigen Herrschaften“ und dem dadurch entstehenden „politischen Vakuum“ hängt der für das folgende Jahrhundert bedeutsame Aufstieg kurdischer Sheikhs von „lokal verehrten weisen Männern zu überregionalen Machthabern“ (S.181) ursächlich zusammen. Gleichermaßen geht dieser „Aufstieg der Sheikhs“ einher mit der „rasanten Zunahme religiöser Konflikte ... innerhalb der kurdischen Gesellschaft“ (S.226). Ausführlich geht B. auf die im Zusammenhang mit kurdischer Geschichte auch heute noch sensible Frage nach der Lage der Christen, besonders der Armenier, im damaligen Osmanischen Reich ein. Diese wurden seit Mitte des l9.Jh.s zunehmend Opfer gewaltsamer Übergriffe, deren Gründe vor allem in durch „sozio- ökonomische Umwälzungsprozesse“ bedingten „sozialen Unruhen“ (S.230) lagen. Diese wurden von „anti-christlicher Agitation der Sheikhs“ (a.a.O.) angeheizt, von der osmanischen Regierung in keiner Weise verhindert (S.248) und von armenischen Autonomiebestrebungen sowie von Interventionen europäischer Kolonialmächte (S.249) zusätzlich verstärkt.

In Kap.5 (Das 20. Jahrhundert) untersucht B. verschiedene, gemeinhin als wichtige Äußerungen kurdischen Nationalismus' verstandene Erscheinungen, wie z.B. die erste auf Kurdisch publizierende Zeitschrift Kurdistan (ab 1898) oder die erste sich explizit als „kurdisch“ verstehende politische Organisation Kürt Teavün ve Terakki Cemiyeti (gegr. 1908), und kommt zu dem Ergebnis, daß diese Erscheinungen noch weit „von einer exklusiv kurdisch-nationalen Sichtweise entfernt“ (S.261) waren. Gleiches gilt für verschiedene Revolten kurdischer Regionalfürsten wie z.B. die von Ibrahim Pasa (1908) (S.284ff.). Spiegelbildlich hierzu waren allerdings auch die jungtürkische und die diese fortsetzende „kemalistische“ Bewegung zunächst keineswegs türkisch-national (S.317). Vielmehr scheuten diese Bewegungen, bevor sie zur Macht gelangt waren bzw. diese konsolidiert hatten, den offenen Kontlikt mit den religiösen und tribalen Kräften des Osmanischen Reiches. Vor allem im Angesicht christlich-armenischer Unabhängigkeitsbestrebungen und der „Einmischungsversuche“ christlich-europäischer Kolonialmächte wurde die religiöse Karte gespielt, solange dies nötig und möglich war. In jedem Falle besaß die Phrase vom „Kampf zur Verteidigung von Sultanat und Kalifat“ für die Muslime der östlichen osmanischen Provinzen „erheblich mehr Realität als alle vagen Vorstellungen von einer möglichen staatlichen Unabhängigkeit Kurdistans“ (S.239). Die erste wirklich bedeutsame kurdische Organisation ist, so B., Azadi (gegr. 1921 oder 1923); obwohl auch die Azadi-Mitglieder keine ausgereiften Vorstellungen von dem zu schaffenden Staat „Kurdistan“ hatten (S.366), vollzieht mit der Formierung der Azadi vor allem in unteren und mittleren Militärkreisen die „Entwicklung des kurdischen Nationalismus ... einen erheblichen qualitativen Sprung“ (S.371). Den aus der Azadi-Verschwörung heraus entstandenen kurdischen Aufstand unter Sheikh Sait (1925) nennt B. eindeutig kurdisch-nationalistisch motiviert, wenngleich aus pragmatischen Motiven in religiösem Gewand auftretend (S.389 f.).

In Kap.6 (Schlußkapitel) rekapituliert B., daß in jedem Fall „die Kategorie ‚Nation‘ ein untaugliches Mittel ist, um die Entwicklung der kurdischen Gesellschaft bis zum 20. Jh. zu begreifen“ (S.390). In einem Schlußwort schlägt B. eine Brücke zur gegenwärtigen kurdischen Nationalbewegung, die seiner Ansicht nach im Vergleich zu 1925 zwar „weit fortgeschritten“, dennoch aber „der Gründung eines souveränen Staates ‚Kurdistan‘ ... nicht viel näher gekommen ist“; hierfür macht B. die fehlende äußere Unterstützung durch Großmächte verantwortlich (S.400 f.).

Aus dem Vorangegangenen sollte deutlich werden, daß B. seinen in Kap.1 formulierten Zielen (s.o.) vollauf gerecht wird. Gegen den Strom „glorifizierender“ Kurdistan-Literatur anschwimmend, gelingt es ihm, in logisch aufgebauter, oft brilliant ausgeführter Darstellung plausibel zu machen, daß der Beginn des „Kurdischen Nationalismus“ in heutigem Sinne auf die Gründung der Azadi-Bewegung (1921 oder 1923) zu datieren ist. Darüber hinaus bietet B. beträchtlich mehr als nur auf das eigentliche Thema Bezügliches; streckenweise liest sich seine Arbeit wie eine präzise und pointiert analysierende Darstellung der politischen und Wirtschaftsgeschichte des Osmanischen Reiches. Die folgende Kritik soll nicht an dem sehr hohen Niveau der Arbeit insgesamt rütteln.

So erweist B. der „glorifizierenden“ Kurdistan-Forschung vielleicht insgesamt zuviel der Ehre, indem er sie immer wieder, teilweise in langen Exkursen, minutiöser Kritik unterzieht (z.B. S.95, Fn.12; S.108, Fn.43; S.117-121; S.151, Fn.22). Ähnliches gilt für die anderen zahlreichen Exkurse des Autors zu theoretischen oder zu mittelbar relevanten historischen Fragen, oft in ellenlangen Fußnoten verstaut oder in den Rang eigener Abschnitte erhoben (z.B. der Exkurs über „Fremdherrschaft“, S.85-94, oder über den Krim-Krieg, S.184-189). Obwohl all dies im einzelnen sehr interessant ist, entsteht insgesamt der Eindruck, als sei hier eine ursprünglich auf ca. 200 Seiten angelegte Arbeit im Lauf der Zeit über sich hinausgewachsen, ohne daß B. sich dazu entschließen konnte, noch Änderungen am Gesamtkonzept vorzunehmen.

Diesem Ü b e r f l u ß der Arbeit stehen wenige D e f i z i t e gegenüber. Als einzige sachliche Unkorrektheit fiel auf, daß B. (auf S.23) impliziert, das Zazaki sei ein kurdischer Dialekt; es ist aber seit Beginn dieses Jahrhunderts von der Linguistik als eigene S p r a c h e anerkannt. Weiterhin fehlen der Arbeit jedwede veranschaulichende Tabellen, Karten o.ä.; hier hätte zumindest eine geringe Zahl von Karten- oder Kartenskizzen, etwa zur Lokalisierung verschiedener kurdischer Aufstände, das Buch benutzerfreundlicher gestaltet. Dem stark theoretischen und trockenen Charakter, den dies der Arbeit verleiht, entspricht auch die bisweilen sehr technische Diktion des Autors, etwa wenn er „Herrschaft“ in sozialwissenschaftlichem Jargon en passant als „Verteilung des Mehrprodukts“ anspricht (S.91, ähnlich S.65, 69, 108 u.a.).

Die einzige sachliche Schwäche von B.'s Arbeit ist m. E. die an manchen Stellen zu vermerkende systematische Unterschätzung der Rolle, die die R e l i g i o n in den verschiedenen Phasen kurdischer Geschichte spielt. Zwar verhilft die „materialistische“ Sichtweise, die Religion in verschiedenen historischen Phasen letztlich als nebensächlich im Vergleich mit ökonomischen Bedingungen zu betrachten (z.B. S.92, 167, 208), B. oft zu erstaunlicher Schärfe in der historischen Analyse, insgesamt aber ist die Religion in Ostanatolien wohl doch mehr als eigenes historisches Movens zu betrachten, und nicht nur als quasi beliebige Form sozialer Äußerung oder Organisation, als dies B.'s Darstellung glauben macht.

Insgesamt kann B.'s Buch mit Martin VAN BRUINESSEN's bahnbrechender Studie Agha, Sheikh and State (Utrecht 1978) verglichen werden. Beide Werke stechen aus der Masse des in den letzten zwei Jahrzehnten zu kurdischer Politik und Geschichte Publizierten durch Vorurteilslosigkeit und Schärfe der Analyse und Breite der Darstellung hervor. Beide Arbeiten haben unterschiedliche Schwerpunkte – B.'s Arbeit spürt, chronologisch vorgehend, minutiös der „Idee“ und dem „Mythos“ des kurdischen Nationalgedankens nach, während VAN BRUINESSEN vor allem die innere Struktur der kurdischen Stammesorganisation und deren religiöse Grundlagen untersucht. Auch geht B. in der historischen Analyse insgesamt weit über VAN BRUINESSEN hinaus (z.B. wenn er, S.171 f., detailliert die zögerliche, verschleppende osmanische Reaktion auf die anti-christlichen Massaker des Emirs Bedir Khan beschreibt; VAN BRUINESSEN's Darstellung, S.227, legt nahe, die osmanische Regierung habe Bedir Khan auf englisch-französischen Druck hin umgehend bestraft). Insgesamt aber gibt es doch manche Parallelen und Überschneidungen zwischen beiden Arbeiten (z.B. in der Analyse des Aufstandes von Sheikh Sait, B. S.389 f., VAN BRUINESSEN S.404 f.), so daß man sich von B., z.B. in der Einleitung, eine kurze Erklärung darüber gewünscht hätte, in welchem Verhältnis seine Arbeit zu derjenigen VAN BRUINESSEN's oder auch zu anderen Studien wie der von R. OLSON (The Emergence of Kurdish Nationalism..., Austin 1989) steht.

Weiterhin hätte man im Schlußkapitel, vor allem in Anbetracht des starken theoretischen Interesses des Autors, etwas zur Frage erwartet, wie er die Ergebnisse seiner kurdischen „Fallstudie“ nun wieder umgekehrt in Beziehung setzen würde zu den „Ergebnissen der neueren Nationalismus- und Ethnizitätsforschung“, von denen er in der Einleitung (S.15) ausgegangen war (insbesondere zu den Arbeiten E. HOBSBAWM's und B. ANDERSON's, die B. auf S.14 beide erwähnt).

Diese Kritik möge der Autor nicht negativ auffassen, sondern vielmehr als Hinweis, wie etwa eine Darstellung der Geschichte des kurdischen Nationalismus n a c h 1925, die wir uns von ihm wünschen würden, noch gelungener ausfallen könnte. Zweifelsohne hat B. den „traurigen Zustand der Kurdistanliteratur“ (S.8) durch sein Buch erheblich aufgeheitert.

LUDWIG PAUL
Seminar für Iranistik und Vorderasiatische Archäologie / Universität Göttingen

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