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Diese Rezension ist erschienen in:

Informationsbulletin Kurdistan (Stuttgart)

1993 (Nr.51) S.46-47

besprochen von: Celal Kartal

Gibt es einen kurdischen Nationalismus?

Behrendt, Günter: Nationalismus in Kurdistan. Deutsches Orient-Institut, Hamburg 1993. Friedemann Büttner und Udo Steinbach (Hrsg.). Preis: 42,- DM

I. Das Buch (454 S.) ist die überarbeitete Fassung einer Dissertation. Das Thema selbst war noch nicht in der allgemeinen Form untersucht worden. Dazu existieren zwar Untersuchungen, diese beziehen sich jedoch auf spezieller Aspekte. In der Studie analysiert der Autor die Zeit bis zum 20. Jahrhundert. Er hört jedoch dort auf, wo die ersten Ansätze eines „Massennationalismus kurdischen Typus“ zu entstehen beginnen. Dabei ist m.E. der geschichtliche Hintergrund zu ausführlich „dargestellt“. Stattdessen hätte der Verfasser stärker die jüngere Periode untersuchen können. Zitiert hat er aus veröffentlichten Materialien, kurdische – teils auch türkische – Quellen sind nicht gebührend berücksichtigt worden.

1. Behrendt beginnt mit der Frage, ob die Kurden „als Volk“ ein gemeinsames Merkmal haben, wobei er dafür die Kriterien „Kurden“, „kurdische Abstammung“, „kurdische Sprache“ (S.16ff.) usw. analysiert.

Hinsichtlich des Merkmals „kurdische Sprache“ konstatiert er, daß die kurdische Sprache ein Bündel deutlich voneinander abweichender Dialekte sei, die noch nicht unter dem Dach einer Einheitshochsprache zusammengefaßt werden konnten (21). So könnten mit dem nordkurdischen Kurmanci die sozio-politischen Realitäten des modernen gesellschaftlichen Lebens nicht angemessen ausgedrückt werden (25). Als Beispiele werden nur der obligatorische Türkisch-Unterricht für die Guerilla-Rekruten der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) und deren Generalsekretär Öcalan zitiert (25f). Dieser habe erklärt, daß selbst in einem unabhängigen Kurdistan die Amtssprache zunächst Türkisch sein würde.

Hier unterläuft dem Autor ein Irrtum: Das Kurmanci weise nicht einen hinreichenden Wortschatz auf. Der Verfasser, der für seine Arbeit leider nur Türkisch erlernt hat, hat dabei aus den autorisierten kurdischen Quellen nicht zitiert. Richtig ist jedoch, daß bis vor wenigen Monaten Guerilla-Rekruten der PKK in Türkisch unterrichtet wurden. Heute findet jedoch die Ausbildung für PKK-Partisanen auch in Kurdisch statt.

2. Behrendt, der ebenso den Begriff „kurdische Gesellschaft“ analysiert, verwendet die Termini „Volk“ und „Nation“ als Synonyme. Dabei existiert für ihn erst nach der Zeit des Ersten Weltkriegs ein kurdisches Volk. Der Begriff „kurdische Gesellschaft“ ist für den Autor ein „komplexer Zusammenhang sehr heterogener sozialer Gruppen“ (40). Herr Behrendt, der sicheres „Terrain“ bevorzugt, beginnt mit dem 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung (56).

Nachdem Behrendt erklärt, der Begriff „Fremdherrschaft“ sei für die Klärung der Verhältnisse des 16. Jahrhunderts ungeeignet (90), lehnt er die überwiegende Auffassung ab, wonach es zwischen dem Osmanischen und Persischen Reich im KASR-I-SERIN-Abkommen von 1639 eine Teilung Kurdistans gegeben habe. Beide „Großmächte“ hätten keine Territorialherrschaft ausgeübt, die mit heutigen Vorstellungen vergleichbar wäre (118). Teilen könne man nur etwas, was eins sei, also eine durchgängige einheitliche Substanz aufweise. Ein Staat Kurdistan habe jedoch weder vor noch nach 1639 existiert.

Eine Auffassung, die nicht nur neu, sondern auch unzutreffend ist. Insbesondere deshalb, weil er meint, es hätte zu keinem Zeitpunkt, auch nicht nach 1639, eine Teilung Kurdistans gegeben. Gemeint ist die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Gerade ab dieser Zeit sind zwei neue Staaten, Irak und Syrien, gegründet worden. Ihre Errichtung hat nicht nur ganze kurdische Stämme voneinander getrennt, sondern auch den zwischen ihnen bestehenden Kommunikations- und Handelsverkehr unterbunden.

Zutreffend erklärt er, daß es im 17. Jahrhundert im Reich der Osmanli keine Grenzen im modernen Sinne gegeben habe. Aber was ist mit den kurdischen Nomadenstämmen, die bereits damals von dem Osmanischen Reich gezielt auf das armenische Hochplateau verplanzt worden sind? Wurde diesen Stämmen nicht die Aufgabe auferlegt, die osmanische Grenze vor dem safavidischen Persien zu schützen? Der Versuch des Autors, dabei mit einer Analyse den Boden für die gegenteilige Meinung vorzubereiten, überzeugt nicht.

3. Nach der Darstellung der Entwicklung der osmanischen Gesellschaft und deren Auswirkungen auf die kurdische Gesellschaft kommt der Autor (endlich) zum eigentlichen Thema, nämlich der Entstehung des Nationalismus in Kurdistan. Sogleich wird der Aufstand des Sex Ibeydila (kurdische Schreibweise, Anm. Cartal) von 1880 erwähnt (214). Dabei erwähnt er zutreffend, daß der Beginn dieses Aufstands nicht der Startpunkt der modernen kurdischen Nationalbewegung gewesen sei.

Die Zeit von 1908 - 1914 sei eine Phase intensiver Suche der osmanischen Intellektuellen nach einer neuen Identität gewesen. Die Zahl derer, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs schon eindeutig eine nationalistische Perspektive gewählt hätten, sei verschwindend gering gewesen. Bei den Kurden gab es höchstens ein paar Dutzend Nationalisten (281, 362).

II. Weiterführend ist in der Studie der Hinweis, daß der kurdische wie der türkische Nationalismus aus den gleichen Quellen gespeist worden ist. Abgesehen hiervon ist die Arbeit des Verfasser für die kurdische Nationalbewegung konterproduktiv. Denn er vertritt die Ansicht, daß es eine Teilung Kurdistans nicht gegeben habe. Überdies verneint er jegliche Auswirkungen des Friedensschlusses von 1639 auf Kurdistan. So sei eine Staatsgrenze damals „kein relevantes Hindernis“ für die Freizügigkeit der Menschen im Raum gewesen (122). Er verwendet in diesem Zusammenhang Begriffe, die für eine Realanalyse pro-blematisch sind. So ist er bemüht, die kurdische Gesellschaft in eine Begriffswelt („kurdische Gesellschaft“, „Fremdherrschaft“ usw.) „hineinzupressen“, die den Besonderheiten des untersuchten Problems gerade nicht gerecht wird. Nach seiner „Logik“ kann ein Staat, der nicht existiert hat, nicht geteilt worden sein. Demzufolge ließe sich auch die Ansicht vertreten, ein Volk, das nicht rechtlich oder völkerrechtlich anerkannt worden ist, gibt es nicht. Ist es nicht so, daß Völker und Nationen aus unterschiedlichen Faktoren entstehen, ja gewissermaßen „produziert“ werden? Ist denn die Ansicht zwingend, daß Kurdistan keine Kolonie sei? Nein. Denn sie geht von der ursprünglichen Definition des Begriffs Kolonialismus aus. Bekanntlich werden nicht selten Definitionen von herrschaftsausübenden Gremien vorgenommen, können sie dann für die Wissenschaft verbindlich sein? Natürlich nicht. Zudem sind die Bedeutungen der Begriffe Wandlungen unterworfen. Überdies haben viele – auch in diesem Buch verwendete – Termini nicht nur mehrere Bedeutungen, sondern sind – nach gegenwärtigen Erkenntnissen – noch nicht festumrissen.

Herr Behrendt geht dabei nicht von der richtigen Prämisse aus, wenn er feststellt. daß im Falle der Kurden die Kategorien „Nation“ und „Nationalismus“ nicht hilfreich seien. Um eine solche Schlußfolgerung ziehen zu können, bedarf es einer Analyse auch der jüngeren Periode (dabei fehlt in dieser Arbeit insbesondere in Abgrenzung zum Nationalismus kurdischer Prägung der Nationalismus armenischen Typus). Sinnvoll wäre m.E. eine Untersuchung über den Gesamtkomplex Kurdistan ab 1948. Erst aus einer solchen Analyse könnten zwingende Schlußfolgerungen hergeleitet werden, wobei die Untersuchung nicht nur von offiziellen Begriffen, sondern auch von faktischen Verhältnissen auszugehen hat. Was hat der Kurde aus Südkurdistan mit dem Kurden aus Nordkurdistan gemeinsam? Wollen die „geteilten“ Kurden in einem „vereinten“ oder „getrennten“ Kurdistan leben? Gibt es vielleicht in Kurdistan einen Nationalismus sui generis oder einen „türkischer“ Prägung oder gar „irakischer“ Art usw.?

Der Autor hat eine beachtliche Menge an Literatur verarbeitet, die darin enthaltenen Schlußfolgerungen sind jedoch nicht in jeder Hinsicht überzeugend.

Celal Kartal

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