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„Scheitert die multikulturelle Gesellschaft am Islam?“

von Günter Max Behrendt

Vortrag auf dem Soziologie-Kongreß Soziologie-Kongreß „Grenzenlose Gesellschaften?“ an der Universität Freiburg (Breisgau),
(Sitzung der Sektion „Migration und ethnische Minderheiten“ am 16.9.1998).

In den letzten 3 Jahren habe ich an der Universität Hannover ein empirisches Forschungsprojekt durchgeführt über die Entstehung ethnischer communities in der BRD – genauer gesagt ging es um die Entstehung türkischer communities in der Stadt Hannover. Dabei stand nicht nur die objektive Seite dieses Etablierungsprozesses im Mittelpunkt, also beispielsweise die Geschichte von Vereinen, sondern ebenso die subjektive Perspektive der beteiligten Menschen. Gerade in den sehr ausführlichen Interviews, die wir zu diesem subjektiven Aspekt führten, machten wir schon sehr bald die zunächst bittere, langfristig aber sehr produktive Erfahrung, daß unsere Forschungsabsicht im großen und ganzen an der Lebensrealität unserer türkischstämmigen Gesprächspartner vorbeiging.

Wie kam es dazu? Ausgangspunkt des Projekts war anfänglich eine alte Streitfrage der Migrationsforschung gewesen. Sie lautet: Wird die Entstehung ethnischer communities zu einer Ghettobildung führen – mit all ihren bedrohlichen Folgen – oder weist dieser Prozeß eine grundsätzlich positive Tendenz auf, indem er die Beteiligten z.B. handlungsfähiger macht? Auf Schlagworte reduziert, lautete die Alternative „Ghetto“ oder „Empowerment“? Tatsächlich aber ist die Frage in dieser Form gar nicht zu beantworten, sie ist in ihre Schwarz/Weiß-Logik schlicht falsch gestellt. Im Kern steckte dahinter auch bei uns ein Denken in gesellschaftlichen Großprozessen, das meint, von der Vermittlung in die alltägliche Praxis abstrahieren zu können. In eben dieser Praxis hat sich etwas faktisch herausgebildet, was weder mit dem Schlagwort „Ghetto“, noch mit dem Begriff „Empowerment“ eindeutig zu fassen ist. Für große Teile der aus der Türkei eingewanderten Bevölkerung geht es längst nicht mehr um die Alternativen „permanente Abschottung“ gegen die BRD-Gesellschaft oder „endgültige Hinwendung“ zu ihr. Vielmehr wendet man sich nur auf einigen, aber zentralen Gebieten zu und entwickelt alle hierfür notwendigen Kompetenzen. Auf anderen Gebieten jedoch verweigert man eine Identifizierung mit den bestehenden Strukturen, weil diese einem nur allzu deutlich zu verstehen geben, daß man letztlich unerwünscht ist. Man kann dies mit Stuart Hall als Prozeß der Herausbildung „hybrider Diaspora-Identitäten“ beschreiben.

Letztlich entwickelt jeder einzelne Verein und jede informelle Jugendgang in sich widersprüchliche und auch untereinander auf keinen gemeinsamen Nenner zu bringende Varianten der Orientierung auf die BRD-Gesellschaft. Es ist nicht möglich, darüber globale Aussagen zu treffen. Weder kann man sagen, daß alle türkischstämmigen Hannoveraner dazu neigen, sich in ihren selbstgeschaffenen Treffpunkten wechselseitig in Feindseligkeit gegenüber der alteingesessenen Bevölkerung zu bestärken. Noch können all diese Vereine pauschal von solchen Anschuldigungen freigesprochen werden. Entsprechendes gilt auch auf der Ebene der einzelnen Individuen. In unseren Interviews zeigten sich bei ein und denselben Personen sowohl Aspekte konstruktiver Auseinandersetzung mit der Mehrheitsgesellschaft wie auch einzelne Stränge, die auf ein bequemes Sich-Einrichten in der Rolle des schuldlosen Opfers hindeuten. Die Frage von Hinwendung oder Abwendung wird niemals ein für alle Mal entschieden. Sie ist und bleibt ein offenes Feld, in welchem auch ein Verharren in der Grauzone zwischen den Polen ein konstruktives Moment sein kann.

Im Rückblick mußte es zeitweilig so scheinen, als hätten wir mit dem gänzlich überholten Ghetto-Thema nur Zeit verschwendet. Um so überraschender war sein unverhofftes Comeback in der wissenschaftlichen Diskussion. Auf der großen Berliner Wohnbund-Tagung vor zehn Monaten beispielsweise konnte man die alten Thesen der frühen 80er Jahre – Stichwort: Ghetto oder Empowerment – in fast unveränderter Form wieder aufeinanderprallen hören. Massenwirksam aber wurde die Wiederbelebung des Ghetto-Themas vor allem in Form der Warnung vor einer „islamischen Parallelgesellschaft“.

Spiegel-Titelblatt 4-4-1997 Ein Auslöser hierfür dürfte die Ihnen allen bekannte SPIEGEL-Ausgabe vom April letzten Jahres gewesen sein, auf deren Titel der Satz prangte: „Die multikulturelle Gesellschaft ist gescheitert“. Ausschnitt 
Titelblatt 4-4-1997 Betrachtet man die Cover-Collage jener Ausgabe genau, findet man hier links am Rand eine Szene aus einer islamischen Koranschule, die in ihrer Friedlichkeit so gar nicht zu dem grellgelben „Gefährlich“ passen will. Denn was in aller Welt ist gefährlich an 10jährigen Mädchen, die konzentriert und brav in einem Buch lesen?

Die Antwort hierauf lieferte die Studie „Verlockender Fundamentalismus“ des Kollegen Wilhelm Heitmeyer, der die Verbreitung religiös fundierter Gewaltbereitschaft bei türkischstämmigen Jugendlichen in NRW zu erfassen versuchte. Seine unheilkündenden Prozentzahlen beflügeln seither die Medien. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung titelte zum Beispiel vor fünf Monaten: „Eine Studie über türkische Jugendliche zeigt: Jeder dritte ist gewaltbereit“. Um solchen Unfug zu erzeugen, bedurfte es keines allzu großen Mißbrauchs durch die Medien, da bereits Heitmeyers eigene Präsentation des Materials in sich tendenziös war. Nach dem Startschuß im SPIEGEL berichteten sämtliche Medien, auch die öffentlich-rechtlichen, in großer Aufmachung über den angeblichen Vormarsch des islamischen Fundamentalismus in der Bundesrepublik. Im Zuge dieser medialen Hetzjagd wurden praktisch alle Moscheevereine in Deutschland unter Fundamentalismusverdacht gestellt und zumindest einer geistigen Nähe zu den Massenmorden etwa der Islamischen Heilsfront in Algerien verdächtigt. In diesem Rahmen entfaltete sich die These von der Entstehung einer „islamischen Parallelgesellschaft“ zu einem wahren Horrorszenario.

Kardinalfehler aller dieser Diagnosen, Prognosen und Analysen ist, daß jedes Anzeichen einer nicht hundertprozentigen Identifikation mit den Gegebenheiten in der BRD zu einer radikalen Kampfansage gegen die hiesige Gesellschaft umgedeutet wird. Wer hierzulande türkischsprachiges Fernsehen via Satellit konsumiert, der will angeblich von der BRD-Gesellschaft nichts mehr wissen. Und ein offensives Bekenntnis zum Islam scheint erst recht jede Bereitschaft auszuschließen, sich konstruktiv auf die hiesige Verhältnisse einzulassen. Festzustellen und zu dokumentieren, wie wenig solch ein bipolares Denken in Alternativen von entweder/oder, Ja oder Nein, die Lebensrealität der Migranten aus der Türkei trifft, ist vor diesem Hintergrund eines der wichtigsten Ergebnisse unseres Forschungsprojekts. Unser empirisches Material läßt aber auch einen kritischen Blick auf die These von der drohenden Gefahr einer „islamischen Parallelgesellschaft“ zu, da sich unter unseren Interviewpartnerinnen auch zwei bekennende Musliminnen befanden.

Frau Güler

Gern würde ich Ihnen die höchst unterschiedlichen Lebensentwürfe und Antworten beider Frauen auf die zwiespältige Situation, Muslimin türkischer Herkunft in Deutschland zu sein, vorstellen. Doch angesichts der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit konzentriere ich mich auf eine Person, die ich für den Augenblick „Frau Güler“ nennen möchte.

Frau Güler wurde als Siebenjährige von den Eltern nach Deutschland geholt. Sie ist heute 35 Jahre alt, verheiratet mit einem ebenfalls türkischstämmigen Mann, mit dem sie 4 Kinder hat. Frau Güler hat nach Abschluß einer Berufsausbildung noch das Abitur nachgeholt. Sie hat eine feste Anstellung im öffentlichen Dienst, die sie gegenwärtig ruhen läßt, um sich ihren Kindern zu widmen. Sie nutzt ihre Zeit aber auch, um Deutschkurse in einem Moscheeverein zu geben. Frau Güler ist das, was die Medien eine „Fundamentalistin“ nennen, das heißt, sie ist bekennende Muslimin, trägt selbstbewußt ein schulterverhüllendes Kopftuch und engagiert sich in islamischen Vereinen.

Von ihren Eltern wurde Frau Güler religiös erzogen. Mit ungefähr 10 Jahren schickte der Vater sie zu einer Koranschule, doch ließ sie die „bloß technische“ (Zitat Güler) Form der religiösen Unterrichtung dort innerlich kalt. Ihr Kopftuch war ihr damals beispielsweise peinlich, weil es die Blicke aller Passanten auf sie lenkte.

Erst als sie nach Ausbildung und zeitweiliger Berufstätigkeit plötzlich arbeitslos wurde und in eine persönliche Krise geriet, beschäftigte sich die damals 20jährige wieder mit dem Islam. Durch Eigenstudium religiöser Bücher versuchte sie, Antworten zu finden auf die Fragen „Wo sind meine Wurzeln, wo gehöre ich hin?“ In der Auseinandersetzung mit dem Islam fand sie aus der Krise heraus und jene Selbstvergewisserung, die sie suchte. Seitdem trägt sie als Ausdruck ihres Glaubens konsequent das Kopftuch, das sie zuvor nur sporadisch, vor allem im Familienkreis, aufsetzte.

Frau Gülers heutiger Umgang mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft ist von Selbstbewußtsein und klarem Wissen um ihre Rechte und Pflichten, aber auch um ihre Diskriminierung als Ausländerin geprägt. So gründete sie zusammen mit anderen Muslimen einen schulpolitisch aktiven Verein, um für eine Verbesserung der Schulsituation ihrer Kinder zu kämpfen. Seither befindet sie sich in stetem Austausch mit Schulen, Behörden und Lehrern. Ansonsten aber bewegt sich Frau Güler so weit wie eben möglich in einem türkisch geprägten Umfeld. Sie nutzt vorrangig türkischsprachige Medien, kauft am liebsten in türkischen Läden ein und trifft sich privat ausschließlich mit türkischsprachigen Freundinnen und Verwandten.

Obwohl sie selbst von ihren deutschen Mitmenschen einfordert, daß diese sich aktiver um ein „Miteinander“ kümmern sollten, daß man sich kennenlernen und „sich häufiger treffen“ müsse, scheint ihr eigenes Bestreben eher in die Richtung einer Abschottung gegen die Einflüsse der Mehrheitsgesellschaft zu gehen. Wie komplex ihre Situation allerdings wirklich ist – bei aller Betonung ihrer türkisch-muslimischen Identität –, wird in der Darstellung ihrer Bindung an die Türkei deutlich.

„Ich fühle mich mit der Türkei emotional noch sehr verbunden, was ich mit Deutschland weniger tue. Aber wahrscheinlich deswegen, weil ich denke, vielleicht ist es möglich, daß ich von der Türkei eher akzeptiert bin, daß die eher denken, ja sie gehört zu uns, als daß Deutschland das von mir denkt. Ich hab' mich niemals von der Türkei distanziert.“ (Auszug aus dem Interview)

In dieser Passage klingt eine Relativierung an, als wenn Frau Güler bereits Erfahrungen hat machen müssen, daß sie nicht vorbehaltlos darauf vertrauen kann, von den Menschen in der Türkei zu „uns“ gezählt zu werden. In dieser Hinsicht steht sie „dazwischen“. Obwohl ihre emotionale Verbundenheit zur Bundesrepublik deutlich geringer ist, geht sie davon aus, auch in Zukunft in Hannover zu wohnen und zu leben. „Ich werde wahrscheinlich in Hannover bleiben, trotzdem.“

Das „trotzdem“-Leben in der Bundesrepublik erscheint ihr nach Abwägung aller Vor- und Nachteile als das geringere Übel. Zu den Nachteilen zählt sie vor allem die ständige Angst vor fremdenfeindlichen Gewaltakten, die ihre Beziehung zur Mehrheitsgesellschaft heute überschattet. Neben dieser allgegenwärtigen „potentiellen Gefahr“ unmittelbarer Gewalt erlebt Frau Güler alltägliche Diskriminierungen vielfältiger Art. Sie beschreibt typische Szenen, wie sie im Supermarkt aus der Warteschlange gedrängt oder bei Bankgeschäften herablassend behandelt wird. Rückblickend auf bald 30 Jahre Lebenserfahrung in der Bundesrepublik konstatiert Frau Güler eine Vertiefung der Kluft zwischen deutscher Bevölkerung und den Zugewanderten.

„Ich lebe ja schon sehr, sehr lange hier. Man müßte eigentlich meinen, daß ich mich hier gut zurechtgefunden habe, das habe ich wahrscheinlich auch... Und das ich mich ganz wohl fühle. Aber das stimmt nicht.... Weil, man muß sich ja mit der Zeit, denk ich, mal ein bißchen mehr kennengelernt haben, das Fremde muß bißchen abgelegt worden sein, von beiden Seiten her. Aber leider ist das nicht der Fall. Man lebt hier, aber das Miteinander fehlt immer noch. Und man trennt sich, denke ich, noch mehr als vorher.“ (Auszug aus dem Interview)

Frau Gülers Position bleibt letztlich offen. Sie weiß, daß ihr Geburtsland ihr – bei aller emotionaler Besetzung – fremd geworden ist, daß eine Rückkehr sie zu einem radikalen Neuanfang mit ungewissem Ausgang zwingen würde. Praktisch beabsichtigt sie, sich in der Bundesrepublik einbürgern zu lassen. Aber das Leben hier bleibt von Angst und Unsicherheit überschattet. Mit dieser Situation geht sie jedoch kämpferisch um und pocht auf ihre Rechte. Allerdings wirkt Frau Gülers Plädoyer für Toleranz, Begegnung und Verständigung etwas blutarm angesichts ihrer eigenen, auf Abschottung angelegten Lebenspraxis.

Insgesamt ist Frau Gülers Biographie ein Fall von geglückter struktureller Integration – hoher Bildungsabschluß, qualifizierter Arbeitsplatz, bevorstehende Einbürgerung –, doch geht dies einher mit einer voranschreitenden persönlichen Entfremdung, die sich auch in der Wahl eines fast ausschließlich türkischsprachigen persönlichen Umfelds niederschlägt. Gleichzeitig zeigt Frau Güler ein wirklich vorbildliches staatsbürgerliches Engagement in Form der ehrenamtlichen Deutschkurse und der Tätigkeit im Schulverein. Dieses Engagement straft eine Verkürzung ihrer Haltung auf einen bloßen Rückzug aus der Mehrheitsgesellschaft eindeutig Lügen.

Wendet man den Blick zurück auf die Ebene der institutionalisierten Zusammenschlüsse, der communities eben, auf welcher auch sich das Schreckgespenst der „islamischen Parallelgesellschaft“ abspielen müßte, wird vielleicht deutlich, warum die bislang vorherrschenden Formen der Thematisierung so unergiebig geblieben sind. Will man etwa die Rolle islamischer Moscheevereine beurteilen, so scheint es mir wenig erfolgversprechend, weiterhin ausschließlich zu fragen, ob sie der „Integration“ förderlich seien oder möglicherweise gar eine Bedrohung für die pluralistische Demokratie in Deutschland darstellen. Denn auf solche Fragen sind keine eindeutigen Antworten möglich. Der Moscheeverein beispielsweise, in welchen Frau Güler ihre kleinen Kinder jedes Wochenende zum Koranunterricht bringt, gehört einem Dachverband an, der seine Nähe zur rassistischen Ideologie der türkisch-islamischen Synthese nicht zu verbergen sucht. Und doch ist dieser Moscheeverein der Ort, an welchem sich Frau Güler engagiert, um türkischstämmigen Frauen die deutsche Sprache beizubringen – wohlgemerkt: die deutsche Sprache, nicht die türkische! Nicht ohne Stolz vermerkte sie, daß seit einiger Zeit sogar ihre eigene Mutter ihren Kursus besucht, um nach 25 Jahren Arbeitsleben in einer deutschen Fabrik endlich ein bißchen Deutsch zu lernen. Dies ist ein Stück selbstorganisierter Integrationsbemühung und zugleich ein Stück Abschottung, wobei die Begriffe in dieser Vermengung beginnen, ihren Sinn zu verlieren.

Lassen Sie mich zum Schluß feststellen, daß die Forschung über die Einwanderungsgesellschaft Deutschland dringend neue und vor allem realitätsnähere Fragen braucht. Sie braucht auch neue Leitbegriffe, und zwar möglichst solche jenseits von Integration, Ghetto oder Parallelgesellschaft.


Letzte Aktualisierung (Text ungeändert): 2003-10-16
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