Max sein SciFi-Blog
Persönliche Anmerkungen zu Science Fiction, so ungefähr
An dieser Stelle führe ich ein Logbuch über SF-Romane, die ich gelesen habe. Punkt. Mehr passiert hier nicht. Es kann auch vorkommen, dass ich retrospektiv früher einmal gelesene Bücher noch einmal hervorkrame. Aktualität ist kein Muss. Eines nur vorweg: Ich verabscheue Perry Rhodan! Auch wenn ich – getreu der Devise: „Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“ – zugeben muss, als 14-Jähriger weit über hundert Rhodan-Heftchen gelesen zu haben. Bis ich dahinter kam, was Faschismus ist.
Hinweis am Rande:
Anregendes aus dem Netz: Ein sehr sympathischer Blog fantastischeantike.de und ein ganz gradliniger SF-Podcast schriftsonar.de (leider seit 2023 inaktiv). Eine beachtliche Menge an Rezensionen auf www.sf-lit.de.
Übersicht
Diese Besprechungen oder Anmerkungen haben sich bislang angesammelt. Man kann sie chronologisch
lesen oder mit Klick auf das entsprechende Cover direkt zum gewünschten Buch springen.
My Personal Hall of Fame
Klickt man auf die Hall of Fame, öffnet sich eine Vergrößerung, auf der man die Titel auch erkennen kann. Nur der tief geprägte Titel des Stephenson-Romans Amalthea bleibt unlesbar.
Meine Bewertungsskala
einfach nur gut
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ausgezeichnete Lektüre
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Der erste Satz (und der zweite)
„Offiziell galt die Stadt der Türme nicht als gespalten. Modernität und Fortschritt, Gesetz und Ordnung waren oberstes
Gebot… jedenfalls, wenn man dem Manifest des Rats Glauben schenkte.“
2026-05-12
Wieder ein Science-Fiction-Roman, der ebensogut als Fantasy-Roman durchgehen könnte, obwohl die Hintergrundgeschichte,
die dem Weltenbau zugrunde liegt, explizit technikbasiert und nicht magisch angelegt ist. Aber im praktischen Erzählen
dreht sich alles um einen jugendlichen Messias-to-come mit einer letztlich magischen Gabe, die Tore zu den unermesslichen
Schätzen der ausgestorbenen Tarakanier/Tarkanier (das Lektorat ließ beide Schreibweisen gelten) zu öffnen. Wir folgen
seiner Quest in zwei Zeitsträngen, zwischen denen grob zwei Dutzend Jahre liegen, die aber final trotzdem verschmelzen.
Der namenlose Ich-Erzähler des für die Romanzeit gegenwärtigen Strangs erinnert mächtig an Adson von
Melk, den Erzähler-Novizen aus „Im Namen der Rose“. Unser Novize gehört zwar nicht zu den Franziskanern, sondern zur Historikergilde,
aber auch er taumelt im Auftrag seines Meisters durch eine erbarmungslose Welt, die seinen bisherigen Horizont als Schreiber
der Gilde sprengt. Letztlich jedoch bilden seine Abenteuer nur eine schmale Rahmenhandlung für den eigentlichen Strang, der
von Rafik, dem Auserwählten, handelt. Er wird am Ende das große Rätsel lösen, was es mit den Tarakaniern auf sich hat. Bis es
soweit ist, wird geballert, geschossen, mit Messer aufgeschlitzt, verraten, verkauft, gemordet, gefoltert und intrigiert,
was das Zeug hält. Mir war es etwas zu viel Action um der Action willen. Die Geschlechterrollen sind insoweit traditionell,
als alle Figuren – egal ob sie als männlich oder weiblich präsentiert werden – nach dem fäusteschwingende Modell Chuck Norris
agieren. Manche Chucks haben eben Brüste und benutzen das Pronomen sie. Die Fixierung aller Figuren auf Geld ist das einzige
Anzeichen, dass es noch eine funktionierende Gesellschaft gibt – offenbar wird noch nicht alles durch Feuerkraft und Fäuste
geregelt. Der Weltenbau ist also intellektuell nicht übertrieben herausfordernd. Bleibt der kompetent erzeugte Erzählsog der
actiongeladenen Wechselfälle. Mich hat er immerhin bis zum Ende der Geschichte bei der Stange gehalten, das Buch insgesamt
hinterlässt jedoch ein irgendwie unbefriedigendes Gefühl. Vielleicht lag es daran, dass kaum eine Figur des Romans mehr
als 50 Seiten überlebt? Oder daran, dass man weder mit dem namenslosen Novizen, noch mit Rafik wirklich mitfühlen kann,
weil ihre Charaktere schemenhaft bleiben? Immerhin sind auf S.670 alle Erzählstränge aufgelöst und kein Cliffhanger kündigt
überlaut die Überführung der Geschichte in eine Serie an. (Kam dann 2021 trotzdem.)
Eyal Kless
Das schwarze Mal
München 2019





größtenteils gut zu lesen
© penhaligon Verlag
Paperback nur noch antiquarisch, lieferbar als eBook (9 €)
670 Seiten
ISBN 978-3-6412-2645-9 (ePub)
Der erste Satz (und der zweite)
„Wenn Sie das Lesen, sind Sie offiziell dafür verantwortlich herauszufinden, was als Nächstes zu tun ist. Ich bin aus dem
Schneider, weil ich vermutlich tot bin.“
2025-11-05
Fing durchaus passabel an, insbesondere nach den pubertären Albernheiten des letzten Lesestücks hatte dieser Roman einen
erfreulich erwachsenen, durchaus entspannten Humor zu bieten. Aber wenn ich einen Roman auf Seite 182 zurück auf den Stapel
lege und dann einen Monat nicht mehr angucke, dann stimmt mit der Geschichte etwas nicht. Der ganze Plot dreht sich um ein technisches
Geheimnis: Wie funktionieren eigentlich die Teleportationsportale, die in dieser Zukunft alle und jede/r fast täglich benutzen,
wirklich? Ein Geheimnis, so geheim und dreckig, dass der mächtige Konzern, der nicht nur das Teleportationsgeschäft
monopolisiert hat, sondern nebenbei die Welt beherrscht, jederzeit dafür kaltblütig mordet. Ich spoilere jetzt nur ein ganz
kleines bisschen, wenn ich verrate, dass die Teleportation dieser Geschichte eben nicht so funktioniert wie „Beam me up, Scotty“.
Also, es wird nicht Materie von A nach B geschickt, sondern es läuft – nunja: anders. Und das ist eben dieses winziges Detail,
das man den Kund*innen lieber nicht verrät. Ist das gute Recht des Autors, das so zu setzen. Aber dann darf er nicht auf den ersten
Seiten das genaue Gegenteil behaupten, dass nämlich da Vincis MonaLisa durch einen Unfall beim Teleportieren am Absendeort zu
„Quantenschaum“ zerstäubt wurde, aber nie am Empfangsort ankam und somit perdu ist. Dieser schockartige Verlust habe erst den
Siegeszug der neuen Technik des späteren Monopolkonzerns möglich gemacht. Wenn man jedoch früher Materie „versenden“ konnte,
sodass sie am Absendeort verschwand (weg ist die MonaLisa) und am Empfangsort wieder auftauchte (außer ein extrem heftiger
Sonnensturm kommt dazwischen), dann macht das ganze dreckige Geheimnis, auf dem die Story aufbaut, keinen Sinn mehr. Und als
zuletzt auch noch der erzböse Konzernboss, der zuvor vor allem danach trachtet, den Helden Joel und seine Kopie Joel² zu ermorden,
plötzlich das Genre wechselt und zum weltzerstörenden mad scientist mutiert, da ging die Logik eine rauchen und kam
nicht zurück.
Tal M. Klein
Der Zwillingseffekt
München 2018





kann man lesen, wenn nichts anderes da ist
© Heyne Verlag
Paperback nur noch antiquarisch, lieferbar als eBook (12 €)
402 Seiten
ISBN 978-3-641-22309-0 (ePub)
Der erste Satz (und der zweite)
„»Sie … werden mir also den Kopf abschneiden.« Ich musterte den Verkaufsberater mit hochgezogener Augenbraue.“
2025-10-24
Dieser Roman kreist vollständig in einer nerdigen Fankultur-Blase US-amerikanischer Prägung, in der Homer kein antiker Epen-Autor
ist, sondern der Held aus der Comic-Serie „Die Simpsons“. Als kulturelle Referenzen gibt es nur „Alien“ und „Star Wars“, nicht
einmal „Blade Runner“ oder „Transformers“. Dieser Kanon ist so eng, dass schon ein „Hasta la vista, baby“-Zitat aus „Terminator“
wie ein belebender Farbtupfer wirken muss. Konsequenterweise kommt die ganze Handlung ohne Frauen aus, wenn man einmal von einer
„Jenny“ absieht, die den Helden verließ und damit derartig traumatisierte, dass er fürderhin Liebe, Beziehung und Sex komplett aus
seinem Leben eliminiert hat. Startpunkt der Geschichte ist der Unfalltod dieses Helden namens Bob, der als Computersimulation
wieder aufersteht und ungefragt in ein Raumschiff eingebaut wird. Aus Bob wird also eine Schiffspersona, keine ungewöhnliche Konstruktion
im SF-Kontext. Neu ist hier nur, dass diese körperlose Persona sich selbst kopieren kann und sich nach dem Konzept der Von-Neumann-Sonde
exponenziell über die Galaxis verbreitet. Dass diese Kopien der Ursprungspersona (die ja selbst nur eine Kopie eines Menschen darstellt)
nie zu 100% identisch sind und sich rasch weiter individualisieren, schält sich im Verlauf als Motor der Handlung heraus. Die vervielfältigten
Bobs erleben lauter separate Geschichte, zwischen denen der Roman hin und herspringt, gern mit einem Cliffhanger vor jedem Wechsel. Das
Buch kann auf diese Weise gleich drei SF-Subgenres gleichzeitig bedienen: Ein Strang ist reine Militär-SF, es müssen konkurrierende
Von-Neumann-Sonden ausgelöscht werden, was Raum für viele Weltraumschlachten schafft. Eine weitere Linie handelt von Terraforming
und eine dritte vom Lifting einer Quasi-Affen-Horde zu einer neolithischen Jäger-und-Sammler-Kultur (hier schimmert mal Kubriks „2001“
durch). Das Ganze ist so wenig in gesellschaftlichen Bezügen gedacht, dass man es ruhig eine pubertäre Allmachtsfantasie nennen kann.
Gesellschaftliche Auseinandersetzungen, die aus Interessenskonflikten entstehen und ausgehandelt werden müssten, tauchen nur insoweit
auf, als sie als verabscheuungswürdige „Politik“ denunziert werden können. Taylor buchstabiert hier konsequent eine männliche
Nerd-Weltsicht aus, in der Frauen nur Quelle von Frustration und Politiker/Militärs schuld an allem sind. Das einzig Senkrechte in
dieser Welt ist die solipsistische Bastler-Monade, die sich aus sich selbst heraus reproduziert. Gepaart mit einem
unterirdischen Humor ist das alles schwer zu ertragen.
Dennis E. Taylor
Ich bin viele
München 2018





muss man echt nicht lesen
© Heyne Verlag
Paperback (17 €)
459 Seiten
ISBN 978-3-453-31920-2
Der erste Satz (und der zweite)
„Knochen knacken, verdrehen sich, biegen sich. Straßenbelag frisst sich durch halb geöffnete Lippen, schiebt sich
zwischen die Zähne, will weiter in den Kopf.“
2025-09-02
Ein Roman im Immersionsstil – man wird mitten in die Geschichte geworfen und versteht erst einmal nur Bahnhof, insbesondere wenn man auf solche Versatzstücke
trifft: „Ya malas? Das ist Pis-Buun-BM.“ „Willst du den Ika nicht vor die Tür schicken?“ „Ika? Das ist eine Kalash, du Scharfshooter!“ „Die Azzla blickt Floxxi.“
„Ich ticke maschin!“ „Das ist so Alupax!“ Das kann etwas nerven, ist aber deutlich besser, als wenn endlose Erklärpassagen zur Funktionsweise der Zukunft den
Erzählfluß stoppen. In Geschlechterdingen scheint in 100 Jahren durchaus viel möglich, eine geschlechtsanpassende Totaloperation ist bloß eine Entscheidung,
die man der Medimat-Maschine mitteilen muss und für den Nachmittag nach der OP kann mensch weitere Pläne machen. Verpönt sind hingegen Beziehungen mit Maschinen
(„maschin ticken“), allerdings gibt es auch Menschen, die sich bemühen, das Verhalten von Sexrobotern exakt zu kopieren. Da überrascht es schon, dass die 18jährige
genderfluide Hauptfigur Go extrem mit sein/ihrem weiblichen Körper fremdelt, ständig fürchtet, nicht als männlich wahrgenommen zu werden und erst im Laufe der
turbulenten und oft gewalttätigen Handlung selbst akzeptiert, dass er/sie beides ist. Das wird im Roman geschickt transportiert, indem Go im Text mal mit dem
Pronomem „er“ und dann ganze Passagen mit „sie“ genannt wird. Insoweit ist es eine von vielen LSBTIQ-Coming-of-age-Geschichten. Ansonsten befinden wir uns in einer
nicht sonderlich genau ausbuchstabierten postapokalyptischen Welt, Städte sind halb in den angestiegenen Meeren versunken, Konzerne herrschen rücksichtslos,
Überwachung ist allgegenwärtig, kurze Unaufmerksamkeit im Job und zwei Minuten später ist man schon gefeuert, die Sozialleistungen reichen nur zum Vegetieren,
Terroristen sprengen ständig irgendwas kaputt, das Sozialleben ist durch Virtualisierung völlig zerfasert, Verschwörungstheorien bilden eine eigene Religion.
Aufstieg durch Gaming ist das letzte Erfolgsversprechen. Gut und empathisch wird dargestellt, dass Heranwachsende in solch einem Alptraum-Setting desorientiert
und terrorisiert umhertaumeln, keine Platz für sich und ihre Werden finden, aber trotzdem verbissen um ein Stück Glück für sich kämpfen, da ist die Erzählung
dicht und mitreißend. Die erwachsenen Charaktere hingegen bleiben flach, eindimensional. Der gewaltgeile Kriminalpolizist, der verhärmte rassistische Bombenbauer,
der tumbe Vater, der sich von allen hereinlegen lässt, die kalte Gaming-Managerin – keiner dieser Figuren wird wirklich Leben eingehaucht. Einzig die geniale
Hackerin Ren, die als Erste künstliches digitales Leben schafft, gewinnt in ihrer Ambivalenz und rücksichtslosen Selbstinstrumentalisierung für eine veränderte
Weltordnung einen glaubwürdigen Charakter.
Zudem stören die vielen Ungereimtheiten: So hütet Ren, die Mutter der genderfluiden Held*in Go, ihren Quantencomputer als ihren einzig wertvollen Besitz, weil
ihre Schöpfung „Ctrl“, die bewußtseinsfähige KI, jederzeit aus dem Netz dahin zurückkehren können muss. Nun verbreitet sich Ctrl und funktioniert wie eine
Spam-Bot-Netzwerk: Es infiltriert persönliche Computer und verbreitet sich von dort aus immer weiter. Gleichzeitig wird aber sehr detailliert dargelegt, wie groß,
schwer, fragil und komplex so ein Quantencomputer ist. Die persönlichen Computer hingegen tragen alle Menschen wie eine Sonnenbrille mit sich herum. Wenn Ctrl
einen Quantencomputer als Herberge benötigt – wie existiert er dann in den viel kleineren und weniger leistungsstarken persönlichen Computern? GLLL, die zweite
jugendliche Hauptperson, soll süchtig nach Floxxi sein – eine glücksspendende Droge, die durch Sichtkontakt auf die Augen wirkt („Floxxi blicken“).
GLLL lässt sich auf illegalen Wegen Floxxi liefern und gelegentlich taucht in ihrem Bewußtseinsstrom eine starkes Verlangen nach der Droge auf. Dann aber
scheitert einer ihrer Drogendeals und was macht GLLL? Sie vergisst das Thema, hat keine Entzugserscheinungen und die Droge wird einfach nicht mehr erwähnt. Und
schließlich das süßliche Happyend, es wirkt angesichts der konsequent dystopischen Grundierung der Story wie nachträglich drangeklebt. Erinnert mich irgendwie an
Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982), der von der Produktionsfirma ein kitschiges Happyend verordnet bekam.
Aiki Mira
Neongrau – Game Over im Neurosubstrat
Heidelberg 2023





größtenteils gut zu lesen.
© Polarise Verlag
Paperback (18 €)
504 Seiten
ISBN 978-3-949345-28-9
Der erste Satz (und der zweite)
„Die Demonstranten draußen werden lauter. Ihre Sprechchöre klingen immer noch weit weg, aber irgendwie klarer als zuvor.“
2025-08-07
Der Plot erinnert sehr stark an den SciFi-Film „Das Ding aus einer anderen Welt“ (John Carpenter, 1982): Eine isolierte Station in tödlicher
Umgebung (1982: Antarktis / 2025: Basislager auf Planet Lyria 393-C); Aliens, die den Körper der Menschen von innen heraus übernehmen;
einer nach dem anderen kommt ums Leben; verzweifelter Kampf, um eine Ausbreitung des/der übermächtigen Aliens auf die Erde zu verhindern.
Insbesondere das Body Horror-Motiv wird gründlich ausgewalzt, ebenso die dadurch aufkommende Paranoia. Viel Science-Fiction steckt allerdings
nicht in der Story, zukünftige Technik etwa spielt eine vernachlässigbare Rolle, aber auch wichtige sozialgesellschaftliche Veränderungen kennt
diese Zukunft nicht. Gierige Konzerne beuten die Menschen/Welten aus, gehen über Leichen und sind eben böse, böse, böse. Ein darüber hinausgehender
Weltentwurf findet nicht statt. Die Menschen leben in heterosexuellen Paarbeziehungen / Kleinfamilien. Politik ist irrelevant, Geld ist weiterhin
das einzige Vergesellschaftungsmittel. Also, alles so wie immer. Nur Religion ist verschwunden, wird nicht einmal erwähnt. Der Erzählmodus ist
klassisch: Man folgt chronologisch dem Bewußtseinssstrom einer einzelnen Hauptfigur, die sich in existenziellen Notsituationen bewähren muss.
Das Besondere ist, dass diese Person als Psychologin angelegt ist und schier alles in psychologische Kategorien zerlegt. Da sie aber selbst
hochgradig traumatisiert ist, kreist viel ihrer Wahrnehmung um Flashbacks in ihre eigene Traumasituation, die sich gewaschen hat: Der geliebte
Vater als mörderische Bestie, der im ERS-Wahn auch seine eigene Tochter abschlachten wollte. Dieses ERS ist die vielleicht einzige gänzlich
originelle Setzung dieses Romans, indem nämlich hier die Realität der Raumfahrt und des harten Lebens in Blechbüchsen im Weltall immer mehr
Menschen in eine Psychose namens ERS treibt, die einmal ausgebrochen in Amokläufen und/oder Selbstmord enden muss. Die Heldin will diese
ERS-Krankheit um jeden Preis besiegen und hat sich daher für den Einsatz auf dem absolut lebensfeindlichen Planeten Lyria 393-C gemeldet.
Solange der Roman hauptsächlich diesen Kampf gegen ERS fokussiert, ist er sogar ganz stimmig. Ungefähr auf halber Strecke gewinnt jedoch
das Horror-Action-Schema so sehr an Dominanz, dass man sich schon freut, wenn das Erzählmuster nicht gänzlich der „Alien 1-7“-Schablone
verfällt und außer der Heldin auch noch einige andere Crewmitglieder überleben dürfen. Ein Verzicht auf den dünnen Epilog hätte dem Buch
gut getan. Insgesamt ein nicht völlig überzeugendes Psycho-Kammerspiel mit wenig SciFi-Credibility, dafür deutlichem Horror-Akzent. Wer‘s mag,
mag es mögen.
S. A. Barnes
Ghost Station
München 2025





kann man lesen.
© Heyne Verlag
Paperback (16 €)
464 Seiten
ISBN 978-3-453-32352-0
Der erste Satz (und der zweite)
„Manchmal hat das Leben nur schlechte Alternativen zu bieten. So kannst du dich am Vormittag als Wirtschaftsspionin betätigen,
bis zum Mittag Whistleblowerin werden und dann versuchen, bis Mitternacht nicht ermordet zu werden.“
2025-08-02
Vorab ein Geständnis – ich habe diesen Roman in nur 1½ Tagen weggelesen. Ich gebe also zu: Man kann der Story einiges an
Vergnügen abgewinnen. Und nun das Kleingedruckte: Young Adult Romane, auch im Fantasy-Gewand, lese ich ohne mit der Wimper
zu zucken. Aber dieser Roman gibt vor, eine SciFi-Space Opera mit lauter erwachsenen Charakteren zu erzählen – niemand unter 30 dabei –,
liefert gleichwohl einen reinen Young Adult Fantasy-Plot und das ist schräg. Der Science Fiction-Anteil ist dünn. So gibt es
zwar Raumschiffe in der Story, aber es würde niemandem auffallen, wenn man sie durch Fernbusse oder Propellerflugzeuge ersetzen würde.
Gekämpft wird vor allem mit dem Schwert. Laser tauchen auch auf, aber kompetent geschwungen haut ein Heldenschwert jeden Laserstrahl
weg. Roboter sind nur dazu da, um mit dem Schwert zu Schrott verarbeitet zu werden. Ansonsten herrscht technisch Jetzt-Zeit:
Man hackt sich mit der Tastatur in Computer ein und schaut lineares Fernsehen auf Bildschirmen. Der Weltenbau ist schemenhaft.
Ein finsterer Vampir-Imperator herrscht über das Universum. Eine Magie begabte Aristokratenelite beutet die normalen Menschen
grausam aus. Eine Tech-Wave genannte Rebellenmacht greift das Imperium an, warum auch immer. Was wirklich für die Story zählt,
ist Magie. Die Heldin beherrscht ein bisschen Magie und repariert damit Küchenmaschinen. Das ist sympathisch. Aber am Ende
erledigt sie mit ihrer Magie die ultra-Elite-Überkillerin und würde selbst Superman aus dem Cape hauen. Auf Logik sollte man
nicht zuviel geben. Die eigentliche Geschichte ist die einer Nobody-Frau, die auf magische Weise mit einem Dunklen Prinzen
gekoppelt wird, der daraufhin ihr nach dem Leben trachtet. Und natürlich wird alsbald klar, dass sie gar kein Nobody ist,
sondern ihre enormen Kräfte nur erst noch entfalten muss. Dabei sieht man ihr am Anfang durchaus gerne zu und wenn man erst
akzeptiert hat, dass diese Thirty-something-Frau sich ständig wie eine Fünfzehnjährige verhält, ist das auch alles unterhaltsam.
Allerdings scheint sich ihr Charakter auf Wütend-Sein zu beschränken, was auf Dauer ermüdend ist. Ihr Gegenstück, der Dunkle Prinz,
ist dagegen schon fast eine komplexe Persönlichkeit, denn er übt sich seit Jahrzehnten in Emotionslosigkeit, um in einem
auswegslosen Trübsal zu überleben. Sein Job ist es, die Feinde des Imperators Woche für Woche im Dutzend zu massakrieren,
was einen in der Tat trübselig machen kann. Als Odd Couple sind die beiden also gut geeignet. Wäre da nicht der „Truebond“,
der die beiden magisch aneinander fesselt. Zunächst wirkt er wie ein billiger Trick, um die unwahrscheinliche Liaison einer
drittklassigen Entwicklerin im labbrigen Laborkittel und einem Killer-Prinzen in funkelnder magischer Rüstung erzählerisch zu
ermöglichen. Dann aber entwickelt sich der Truebond zum eigentlichen Motor der gesamten Geschichte, denn weil durch den Bond
jede Verletzung des einen den anderen synchron ereilt, entpuppt sich das Ganze eher als eine Art todbringende Krankheit. So gewinnt die blasse
Aschenputtel-Geschichte einen gewissen Drive (und das letzte Bisschen an Science Fiction verabschiedet sich): Die beiden setzen
alles daran, den Bond schnellst möglich zu knacken. Methode der Wahl: den anderen töten. Denn der Bond wächst allmählich, was er
nur durch Nähe und Kontakt tut. Das gibt Raum für Slapstick-Komik, wenn die Story die beiden immer wieder dicht auf dicht zwingt.
Und natürlich verlieben sie sich widerwillig, dürfen aber den ganzen Band 1 über nicht zusammen kommen, kein einziger Kuss...
to be continued. Man könnte das Buch also als völlig unausgegorenen Genre-Mix verreißen. Man könnte aber auch sagen, dass gut
unterhalten wird, wer bereit ist, zugunsten des Zeitvertreibs auf Konsistenz und Logik zu verzichten (wird sowieso überbewertet).
Jennifer Estep
Crashing Stars
München 2024





kann man lesen.
© Piper Verlag
Paperback (18 €)
448 Seiten
ISBN 978-3-492-70654-4
Der erste Satz (und der zweite)
„Ich erinnere mich, ein Kind weggeworfen zu haben. Das ist die einzige Erinnerung, von der ich sicher weiß, dass sie meine ist.“
2025-05-19
Ein wirklich überraschendes Buch, weil es sich allen Genrestandards verweigert. Immerhin spielt die Handlung im Weltall und zumeist auf Raumschiffen,
sofern man diese belebten Organismen, die nirgends hinfliegen, sondern seit unvordenklicher Zeit an Ort und Stelle verrotten, Schiffe nennen kann.
Für die meisten Bewohnerinnen sind sie einfach die Welt, insbesondere für jene, die auf den inneren Ebenen leben. Wobei fraglich ist, ob „innen“
und „Ebenen“ die passenden Begriffe für das sind, was hier geschildert wird. Die Topologie dieser Orte verwirrend zu nennen, wäre eine starke Untertreibung.
Im Inneren eines Raumschiffes hätte ich sie jedenfalls nicht erwartet, sie passen in ihrer fantastischen Unwahrscheinlichkeit mehr zu einer verne'schen
„Reise zum Mittelpunkt der Erde“. Genau so eine Reise ist Thema jenes Strangs der Erzählung, der der Heldin Zan folgt. Nur dass Zan verkehrt herum
reist: Sie will vom Kern zur Oberfläche. Der andere Strang handelt von ihrer Geliebten Jayd, die in ein mörderisches Machtspiel à la Game-of-Thrones
verwickelt ist. Tatsächlich gibt es in diesem Weltentwurf nur Frauen, was aber bemerkenswert wenig Folgen hat. Es wird paarweise geliebt und gevögelt,
allerdings nicht sich vermehrt, denn wer was empfängt, entscheidet offenbar das Schiff. Alle Menschen/Frauen befinden sich im Zustand zyklisch auftretender
unbefleckter Empfängnis – wodurch man sich eine Annunziata-Szene ersparen kann. Aber weitere Auswirkungen auf den Gesellschaftsentwurf sind nicht zu
entdecken, ja, eigentlich wird gar keine Gesellschaft entworfen, es raunt eher eine mythische, brachial düstere Endzeitstimmung. „Der Leichen Zahl“
wäre vielleicht ein guter alternativer Buchtitel gewesen. Alles bleibt Andeutung und Ankündigung. Zwischen stalinistischer Militärdiktatur und steinzeitlichen
Jägerinnen & Sammlerinnen ist alles drin. „Du brauchst den Arm und die Welt, sonst kannst du gleich wieder von vorne anfangen.“ Präziser bekommt die
Leserin es nicht. Und trotzdem habe ich das Buch gern gelesen, mit Zan und Jayd gebangt und gelitten (die meiste Zeit wird gelitten) und (vergeblich)
auf Aufklärung gehofft. Mit etwas weniger Geraune und fruchtloser Meditation über Verrat und Schicksal hätte es auch für 4 Sterne gereicht.
Kameron Hurley
Der Sterne Zahl
Stuttgart 2021





gut zu lesen.
© Panini Verlag
Paperback nur noch antiquarisch, lieferbar als eBook (12,99 €)
391 Seiten
ISBN 978-3-7367-9857-1 (ePub)