Max sein SciFi-Blog

Persönliche Anmerkungen zu Science Fiction, so ungefähr

An dieser Stelle führe ich ein Logbuch über SF-Romane, die ich gelesen habe. Punkt. Mehr passiert hier nicht. Es kann auch vorkommen, dass ich retrospektiv früher einmal gelesene Bücher noch einmal hervorkrame. Aktualität ist kein Muss. Eines nur vorweg: Ich verabscheue Perry Rhodan! Auch wenn ich – getreu der Devise: „Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“ – zugeben muss, als 14-Jähriger weit über hundert Rhodan-Heftchen gelesen zu haben. Bis ich dahinter kam, was Faschismus ist.

Hinweis am Rande:

Anregendes aus dem Netz: Ein sehr sympathischer Blog fantastischeantike.de und ein ganz gradliniger SF-Podcast schriftsonar.de (leider seit 2023 inaktiv). Eine beachtliche Menge an Rezensionen auf www.sf-lit.de.

Übersicht
Diese Besprechungen oder Anmerkungen haben sich bislang angesammelt. Man kann sie chronologisch lesen oder mit Klick auf das entsprechende Cover direkt zum gewünschten Buch springen.

My Personal Hall of Fame

Klickt man auf die Hall of Fame, öffnet sich eine Vergrößerung, auf der man die Titel auch erkennen kann. Nur der tief geprägte Titel des Stephenson-Romans Amalthea bleibt unlesbar.

Meine Bewertungsskala
einfach nur gut

ausgezeichnete Lektüre

macht Spaß zu lesen

gut zu lesen

größtenteils gut zu lesen

kann man lesen

kann man lesen, wenn nichts anderes da ist

kann man zur Not lesen

muss man echt nicht lesen

unterirdisch

Der erste Satz (und der zweite)
„Offiziell galt die Stadt der Türme nicht als gespalten. Modernität und Fortschritt, Gesetz und Ordnung waren oberstes Gebot… jedenfalls, wenn man dem Manifest des Rats Glauben schenkte.“

2026-05-12
Wieder ein Science-Fiction-Roman, der ebensogut als Fantasy-Roman durchgehen könnte, obwohl die Hintergrundgeschichte, die dem Weltenbau zugrunde liegt, explizit technikbasiert und nicht magisch angelegt ist. Aber im praktischen Erzählen dreht sich alles um einen jugendlichen Messias-to-come mit einer letztlich magischen Gabe, die Tore zu den unermesslichen Schätzen der ausgestorbenen Tarakanier/Tarkanier (das Lektorat ließ beide Schreibweisen gelten) zu öffnen. Wir folgen seiner Quest in zwei Zeitsträngen, zwischen denen grob zwei Dutzend Jahre liegen, die aber final trotzdem verschmelzen. Der namenlose Ich-Erzähler des für die Romanzeit gegenwärtigen Strangs erinnert mächtig an Adson von Melk, den Erzähler-Novizen aus „Im Namen der Rose“. Unser Novize gehört zwar nicht zu den Franziskanern, sondern zur Historikergilde, aber auch er taumelt im Auftrag seines Meisters durch eine erbarmungslose Welt, die seinen bisherigen Horizont als Schreiber der Gilde sprengt. Letztlich jedoch bilden seine Abenteuer nur eine schmale Rahmenhandlung für den eigentlichen Strang, der von Rafik, dem Auserwählten, handelt. Er wird am Ende das große Rätsel lösen, was es mit den Tarakaniern auf sich hat. Bis es soweit ist, wird geballert, geschossen, mit Messer aufgeschlitzt, verraten, verkauft, gemordet, gefoltert und intrigiert, was das Zeug hält. Mir war es etwas zu viel Action um der Action willen. Die Geschlechterrollen sind insoweit traditionell, als alle Figuren – egal ob sie als männlich oder weiblich präsentiert werden – nach dem fäusteschwingende Modell Chuck Norris agieren. Manche Chucks haben eben Brüste und benutzen das Pronomen sie. Die Fixierung aller Figuren auf Geld ist das einzige Anzeichen, dass es noch eine funktionierende Gesellschaft gibt – offenbar wird noch nicht alles durch Feuerkraft und Fäuste geregelt. Der Weltenbau ist also intellektuell nicht übertrieben herausfordernd. Bleibt der kompetent erzeugte Erzählsog der actiongeladenen Wechselfälle. Mich hat er immerhin bis zum Ende der Geschichte bei der Stange gehalten, das Buch insgesamt hinterlässt jedoch ein irgendwie unbefriedigendes Gefühl. Vielleicht lag es daran, dass kaum eine Figur des Romans mehr als 50 Seiten überlebt? Oder daran, dass man weder mit dem namenslosen Novizen, noch mit Rafik wirklich mitfühlen kann, weil ihre Charaktere schemenhaft bleiben? Immerhin sind auf S.670 alle Erzählstränge aufgelöst und kein Cliffhanger kündigt überlaut die Überführung der Geschichte in eine Serie an. (Kam dann 2021 trotzdem.)

Eyal Kless
Das schwarze Mal

München 2019


größtenteils gut zu lesen

Buchcover

© penhaligon Verlag

Paperback nur noch antiquarisch, lieferbar als eBook (9 €)
670 Seiten
ISBN 978-3-6412-2645-9 (ePub)

Der erste Satz (und der zweite)
„Ruth Adison schlug die Augen auf, stützte sich auf die Ellbogen und holte mit einem erstickten Keuchen Luft. Das Blut rauschte in ihren Ohren, ihr Herz schlug überdeutlich, und ihr Puls schien ihren ganzen Körper im Rhythmus seiner Schläge zu bewegen.“

2026-05-19
Fangen wir mit dem Positiven an: Der Autor beherrscht die Kunst, spannende Momentaufnahmen zu schaffen, beispielweise der Prolog ist als Miniatur ziemlich gut gelungen. Zumindest wenn man die Versuche außer acht lässt, menschliche Beziehungen zu beschreiben, die über Wut und Angst hinausgehen. Insbesondere wenn es um Mann-Frau-Interaktion geht, wird‘s arg schematisch und traditionell. An den Geschlechterbeziehungen ändert sich also in dieser Zukunft nichts. Immerhin spielt die heute dominante, über Geld vermittelte Warenökonomie keine Rolle – welche Form der Ressourcenverteilung stattdessen stattfindet, wird nicht berichtet. Die Handlung spielt an Bord von zwei sogenannten „Archen“, riesigen Raumschiffen, die die mutmaßlichen Reste der Menschheit nach dem Verlust der Erde zu neuen Planeten schaffen sollen. Beide Archen sind streng hierarchisch organisiert. Die europäische Arche wird von einer kranken Diktatorin kontrolliert, die alles sofort liquidieren lässt, was auch nur im Ansatz abweichend denken könnte. Daher kommt der einzige Widerstand notwendig aus dem Zentrum der Macht. Die Menschen werden hier in Inkubatoren gezüchtet. Es gibt aber auch in Kryostasis gefrorene Menschen, die erst am Ziel wieder aufgeweckt werden sollen. Recht eigentlich spielt solche Technik und überhaupt der Umstand, dass alles auf einem Raumschiff spielt, kaum eine Rolle. Es geht alles nur um die Machtkämpfe der Fraktionen, im Detail manchmal auch um Rivalitäten in kleineren Einheiten, wer hier das Sagen hat. Impulsivität ist offenbar die Haupteigenschaft der Unsympathen. Am Ende des eindeutig als Band 1 einer Serie angelegten Romans haben sich zwei Paare als Haupt-Handlungsträger herausgeschält. Das eine Paar ist etwas unglaubwürdig, weil der weibliche Part offenkundig als Aufpasserin und Manipuliererin zu ihrem männlichen Counterpart geschickt wurde. Dass es unter diesen Voraussetzungen zu Sex kommt, ist vorstellbar, aber kaum, dass daraus eine echte Liebesbeziehung entsteht. Zumindest wenn man nicht dem albernen Klischee folgen wollte, dass ein Mann es einer Frau nur „ordentlich besorgen“ müsse, damit sie ihm unweigerlich verfällt. Leider ist die eine Sexpassage des Buches so unangenehm gestrickt, dass vielleicht doch gerade dieses Klischee hier am Werk ist. Aber vielleicht will der Autor auch einfach zuviel. Zwei Archen, zwei unterschiedliche Sozialsysteme, die beide im Bürgerkrieg an Bord münden, das ist eigentlich Stoff genug. Aber es muss unbedingt noch ein Alien-Organismus her, der Menschen übernimmt und als Zombies versklavt. Das erinnert ziemlich an „Leviathan erwacht“ (verfilmt als „Expanse“-Serie), wird aber nicht annähernd so spannend erzählt. Die Zombie-Horden haben die zweite, die chinesische Arche schon fast überrannt, bis die Cyborgs auf die Seite der noch nicht Infizierten wechseln. Warum bleibt rätselhaft, zumal sie als kommandogebundene Roboter mit limitierter Autonomie eingeführt werden. Aber angedeutet wird, dass eine menschliche Figur sich mit einem solchen Cyborg als Paar zusammen tun wird. Die dann gewiss fällige Sexszene wird vermutlich in Band 2 geschildert werden, den ich allerdings mit einiger Sicherheit nicht lesen werde.

Nick Palmer
Terra perdita

München 2025


kann man lesen, wenn nichts anderes da ist

Buchcover

© Piper Verlag

Paperback (16 €)
316 Seiten
ISBN 978-3-492-70432-8

Der erste Satz (und der zweite)
„Durch die Kamera auf der Unterseite einer Drohne, die rund 300 Meter über der Burdette Road schwebt, sieht Mal zu, wie sich die letzten Truppenteile der föderalen Armee auflösen und die Flucht ergreifen. Sie sind schon fast den ganzen Tag auf den Rückzug, jeweils von einer Straßenecke zur nächsten, und haben dabei abwechselnd gekämpft und Boden aufgegeben.“

2026-05-22
Eine Art Eulenspiegel im SF-Gewand: Till heißt hier Mal und ist eine gerade vierjährige KI. Selbige gerät aus Neugier in ein Bürgerkriegsgemetzel, in welchem die eine Hälfte der US-Amerikaner*innen die andere Hälfte bestialisch massakriert, wenn es nicht gerade anders herum läuft. Das Shibboleth ist das Vorhandensein einer cyborgmäßige Körperveränderung, hier Augmentierung genannt, die einen haben sie, die anderen wollen alles töten, was augmentiert ist. Der/die/das Titelheld Mal, eine freie und an sich körperlose KI, wird durch die Umstände gezwungen, in einen augmentierten Körper nach dem anderen zu schlüpfen, weil der Krieg die Datensphäre, ihr „natürliches Habitat“, beschädigt hat. Und so lernt sie/es auf die harte Tour, was Körperlichkeit bedeutet – soll heißen, sie/es zerschreddert eine Menge von Wirtskörpern, einmal wird sie/es sogar von einem Hund gefressen. Das ist in der ersten Hälfte des Buches sehr unterhaltsam, weil Mal zwar einen enzyklopädischen Wissensvorrat hat, aber in Sachen zwischenmenschlicher Kommunikation eine blutige Anfängerin ist. Was misslich ist in einer Situation, wo jede Abweichung von der bio-menschlichen Standardausstattung mit sofortiger Erschießung und Einäscherung in einer Feuergrube sanktioniert wird. Mals Wirtskörper werden daher immer wieder durchlöchert. Gewisse Anleihen bei Romanen wie „Das Rosie-Projekt“ oder Serien wie „Atypical“, die vom Autismus ihrer Held*innen leben, sind deutlich zu erkennen, gerade in Situationen, wo Mal ganz sachlich das Für und Wider der Tötung einer seiner Begleiterinnen – in deren Beisein und zu deren blanken Entsetzen – erörtert. Allerdings die Kaltschnäuzigkeit, mit der in dieser Geschichte Menschen in die Luft gejagt, abgestochen, zerhackt oder sonst wie getötet werden, kann man irgendwann auch nicht mehr als Farce lustig finden. Dass zwei Kämpfern der sogenannten „Humanisten“, also der nicht-Augmentierten, im Zuge einer Selbstbefreiung-Aktion aus der Gefangenschaft die Kehlen durchgeschnitten werden, gerinnt dann zu dem Satz: „Die neigten zu spontaner Undichtigkeit am Hals.“ Ungefähr da blieb mir die Belustigung im Halse (sic!) stecken. Mal selbst bleibt derweil wie Till Eulenspiegel unberührt und stampft optimistisch in das nächste Fettnäpfchen, was regelmäßig in neuer, meist tödlicher Gewaltanwendung endet. Wirklich interessant sind eigentlich nur die Inszenierungen der Kämpfe der KIs untereinander, denn – wie Mal feststellen muss – mischen überraschend viele KIs gerade auf Seiten der Humanisten mit. Das Ringen von Software gegen Software stellt Ashton höchst kreativ und plastisch dar. Über Geschlechterverhältnisse oder überhaupt gesellschaftliche Verhältnisse erfährt man hingegen kaum etwas. Allenfalls hätte ich die Erkenntnis gewinnen können, dass an Verschwörungstheorien immer was Wahres dran ist. Die Schlusssequenz, in der Mal sich als Selbstjustiz-Rächer*in alle unschuldig gelöschten KIs betätigt, bestärkte meine Abneigung gegen diese Art von „und dann machte er ihm ein Loch in die Stirn“-Humor.

Edward Ashton
Mal Goes to War

München 2025


kann man lesen, wenn nichts anderes da ist.

Buchcover

© Heyne Verlag

Paperback (17 €)
378 Seiten
ISBN 978-3-641-32201-4

Der erste Satz (und der zweite)
„Die Hunduns kamen. Eine ganze Herde, die durch die Wildnis tobte und einen dunklen Staubsturm durch die Nacht wirbeln ließ.“

2026-05-27
Der Roman changiert zwischen Fantasy, Boyz‘n‘Girls und Kampfaufruf gegen das Patriarchat. Die Grundkonstruktion ist eine Erde in ferner Zukunft, die schon vor 2000 Jahren von Alien-Monstern überrannt worden ist. Nur in China gibt es noch widerständige Regionen, die sich aber ständig dem Anrennen von mordgierigen Horden der Hunduns erwehren müssen. Es ist sicher kein Zufall, dass einem sofort Assoziationen kommen an die mongolischen Reiterarmeen, die das historische China der Han wiederholt in schwerste Bedrängnis gebracht haben. Im Zentrum des Geschehens steht das sogenannte „Geistmetall“, das auf der Erde nicht vorkommt, sondern von den Hunduns mitgebracht wurde. Geistmetall zeichnet sich dadurch aus, dass man es durch die Kräfte des eigenen Qi beliebig formen kann. Aus diesem quasi mental verflüssigtem Metall werden die riesigen Kampfroboter erbaut, mit denen die letzten Zufluchtsorte der Menschheit sich die Monster vom Leibe halten. Gesteuert werden diese Mechas von jugendlichen Paaren, weil nur deren vereintes Qi so fließt, dass sie einen aus Geistmetall gebauten Mecha zu Leben erwecken können. Da die Geschichte beansprucht, aus der traditionellen chinesischen Kosmologie zu schöpfen, müssen es immer ein Junge (→Yang) und ein Mädchen (→Yin) sein, damit die Kampfmaschine ordentlich was kaputt hauen kann. Das Konzept kennt man aus dem Film „Pacific Rim“, hier steuerten schon 2013 mental gekoppelte Paare riesige Mechas. Der Twist von „Iron Widow“ ist, dass hier allein der Junge steuert, während das Mädchen nur passiv ihr Qi zur Verfügung zu stellen hat – mit dem häufigen Ergebnis, dass die weibliche Kopilotin ausgebrannt wird, den Einsatz also nicht überlebt. Wir haben es also mit einem krassen Format der Patriarchats zu tun. Die Heldin Zetian erleidet das volle Ausmaß der Abwertung alles Weiblichen am eigenen Leibe, ihr werden als Kind, wie offenbar allen Mädchen, die Füße „abgebunden“. Das wird sehr plastisch als brutalste Verstümmelungsfolter geschildert, die zudem von der eigenen Mutter und Grußmutter verübt wird. Dass ausgerechnet diese in China seit 1949 systematisch ausgerottete Perversion in diesem Fantasy-China wieder Standard ist, wirkt erst befremdlich, macht aber am Ende Sinn, wenn man Zhaos Neigung zu brutalen Lösungen näher kennengelernt hat. Tatsächlich emanzipieren sich alle drei Hauptfiguren des Romans, indem sie ihre Familien ermorden oder zumindest ihren Vater eigenhändig töten. Dass die Heldin ihre komplette Großfamilie mit dem Fuß ihres Kampfroboters zermalmt, ist sicher kein Zufall: Ihr, die ihr mir die Füsse verkrüppelt habt, sollt durch meinen Qi-gesteuerten mächtigen Fuß sterben. Eine sehr brachiale feministische Selbstermächtigung. Dabei ist Zetian abschnittsweise sehr reflektiert, analysiert ihre eigene Verstrickung in das patriarchale System messerscharf, um am Ende ihre eigene Tyrannei qua Qi-Allmacht zu errichten. Verständigung und Kompromiss werden ihr immer nur zum Einfalltor von Verrat und Niederlagen. Im Kern schreibt Zhao eine antisoziale Fantasie: Statt gesellschaftliche Veränderung durch Solidarität und Kooperation zu erringen, geht es hier einzig um Macht. Das richtige Leben wird für alle herbei gebombt, wer nicht mitmacht, wird vernichtet. Das ist noch krasser als die kranken Revolutionsfantasien der alten RAF (nein, nicht die Royal Air Force). Auch die kurzfristige Aufsprengung der auf Zweisamkeit fußenden ausschließlichen Liebe in einer polyamorösen Ménage à trois muss am Ende qua Heldentod einer beteiligten Person annulliert werden. Was die inhaltlich Fundierung in der chinesischen Kosmologie angeht, erschöpft sie sich in der 5-Elemente-Lehre, die hier einfach als fünf Qi-Untertypen wieder auftauchen. Das Motiv vom schlafenden Kaiser, der in höchster Not wieder erwacht und China rettet, ist eine Kyffhäuser-Variation, wie auch die ganze Fetischisierung riesenhafter Kampfroboter, also Mechas, ein Ur-Topos japanischer Comics und Animes ist. Dass der Name der Heldin von der ersten und einzigen chinesischen Alleinherrscherin, Wu Zetian, entliehen ist, weiß ich nur aus der Rezension auf „Phantastische Antike“. Tatsächlich sind alle relevanten Romanfiguren nach historischen Personen aus dem alten China benannt, was ziemlich plump wirken würde, wenn bei der angepeilten Leser*innenschaft Vertrautheit mit den alten chinesischen Dynastien vorauszusetzen wäre. Man stelle sich vor, ein einfacher Bauernsohn würde Napoleone Buonaparte und der Fiesling aus dem Nachbardorf Maximilien de Robespierre heißen. Unbestreitbar entfaltet die linear vorgetragenen Erzählung einen starken Lesesog, was dem Buch meinen Respekt und zweieinhalb Sterne einbringt. Aber die lässige Selbstverständlichkeit, mit der die Heldin einen üblen Widersacher brutalst zu Tode foltert, um an die gewünschten Informationen zu kommen, erregte bei mir Befremden. Vielleicht hat meine Abneigung auch damit zu tun, dass ich Stanislaw Lems „Der Unzerstörbare“ gelesen habe. Großkampfmaschinen haben keine Zukunft…

Xiran Jay Zhao
Iron Widow.
Rache im Herzen

München 2023


kann man lesen.

Buchcover

© penhaligon Verlag

Paperback (18 €)
532 Seiten
ISBN 978-3-7645-3288-8

Der erste Satz (und der zweite)
„Es gab eine Mauer. Sie wirkte nicht wichtig.“

2026-06-02
Erst am Ende des ersten Kapitels habe ich realisiert, dass ich dabei war, ein Buch zum zweiten Mal zu lesen. Das erste Mal ist zwar gut 40 Jahre her, aber ich habe Planet der Habenichtse nicht vergessen. Nur hat man bei der Neuübersetzung von 2017 beschlossen, den Titel des Buches zu ändern, sodass aus den „Habenichtsen“ „freie Geister“ wurden. Vielleicht ein günstiger Zufall, denn sonst hätte ich wohlmöglich dieses Werk nicht mit in den Urlaub genommen. Freie Geister ist jedenfalls gut gealtert, es ist zweifellos immer noch ein sehr, sehr guter Roman. Allerdings aus meiner heutigen Perspektive kein Meisterwerk mehr. Was auch nach 50 Jahren noch beeindruckt und jedem Vergleich mit Büchern des 21. Jahrhunderts standhält, sind der Weltenbau und die philosophische Tiefe, in der eine Alien-Physik der fernen Zukunft ausgesponnen wird. Denn Philosophie und Physik sind hier keine getrennten Fakultäten, das ist ziemlich genial. Der Entwurf einer staatsfreien Gesellschaft auf dem Mond Anarres erinnert in manchem an die frühe Kibbuz-Bewegung Israels – allerdings kam man auf Anarres ohne die Vertreibung der ursprünglichen Bewohner*innen aus. 1. Übereinstimmung: die am Reißbrett konstruierte neue Sprache, die alle Siedler*innen zu lernen hatten. Pravic, die Sprache auf Annares, wurde wie Iwrith planvoll entworfen, ist nicht in Jahrhunderten gewachsen. 2. Die starke Vergemeinschaftung der Kindererziehung, schon mit drei Jahren schlafen die Kinder im Gemeinschaftshaus, die Elternbeziehung wird absichtsvoll in den Hintergrund gedrängt. 3. Die Geschlechtergleichheit: alle sollen alles werden können. Die Kibbuzbewegung mühte sich beispielweise sehr bewußt (wenn auch letztlich erfolglos), bei der internen Berufsausbildung kein Trennung in „weibliche“ oder „männliche“ Berufe entstehen zu lassen. Auf Anarres hingegen kann jede/r wirklich alles tun oder auch lassen, versorgt er/sie trotzdem. Beim Geld endet die Gemeinsamkeit dann gänzlich, auch die idealistischsten Kibbuze kamen nicht ohne Geld in den Außenbeziehungen aus. Da der Mond Anarres seine Außenbeziehung mit dem Planet Urras auf der Ebene des Naturaltausch hält, entfällt dieses Einfallstor der Warenwirtschaft. Es ist wirklich eine Welt ohne Warenform, ja noch radikaler: ohne Eigentum. Ihre Sprache Pravic kennt keine Possesivpronomen. Um auf die Geschlechterbeziehungen zurückzukommen: Die formale Gleichtheit verhindert nicht das unaufhörliche doing gender, Le Guins Roman ist voll davon, wie Männer und Frauen sich als different konstruieren. Die anarchistische Gesellschaft auf Annares wird von ihr eben nicht idealisiert, sondern sehr kritisch beleuchtet. Die Erzählungform ist zweigeteilt und wechselt mit jedem Kapitel von einem Planeten zum anderen (der Mond Annares hat offenbar planetarische Ausmaße), wobei der Annares-Part praktisch die Vorgeschichte des Urras-Part erzählt. Hauptfigur und männlicher Held beider Teile ist Shevek. Der Annares-Part beginnt mit Sheveks Kindheit. Das ist recht klug konstruiert, da sich so das Innenleben und die gesellschaftliche Formung Sheveks erst nach und nach entrollt, während er auf Urras von Anfang an als gefestigte Persönlichkeit mittleren Alters aus diesem Gewordensein heraus agiert. Die Darstellung der Verhältnisse auf Urras, insbesondere der dortigen Elite ist etwas schematisch, ein bißchen mutet es an wie victorianisches Empire, eine krasse Klassengesellschaft, aber mit hochentwickelter Raumfahrt. Die wirklich fabelhafte Stärke des Buches ist der glaubwürdiger Entwurf einer anarchistischen Gesellschaft mit all ihren Fehlern. Wer je einem Kollektiv angehört hat und erlebt hat, wie manche Mitglieder allmählich „gleicher“ werden als die anderen und eben heimliche Chef*innen entstehen, die man nicht kritisieren kann, weil ja alle das gleiche Recht haben zu bestimmen, der versteht Le Guins Kritik an dieser Utopie der herrschaftsfreien Herrschaft sofort. Interessant auch wie das Phänomen der Gewalt in solch einem anarchistischen Rahmen behandelt wird, es wird weder weggebügelt noch schön geredet. Es ist ein kluges Buch, ein schön erzähltes Buch und doch habe ich bei mein neuerlichen Lektüre mit dem Buch gefremdelt, was sich sehr konkret an einer Szene festmachen lässt: Der Held Shevek, ansonsten als Lichtgestalt mit höchsten moralischen Ansprüchen an sich selbst angelegt, versucht – auf dem psychischen Tiefpunkt seiner Expedition nach Urras – eine Frau gegen ihren Willen gewaltsam zum Sex zu nötigen und lässt nicht davon ab, bis er seinen Samen entladen hat, obwohl die Frau sehr laut und handgreiflich ihre Ablehnung ausdrückt. Doch in Sheveks Reflexion hierüber heißt es, sie habe ihn verraten, so wie alle anderen Menschen auf Urras ihn zu ihrem Besitz herabgewürdigt hätten! Und nachdem er seine spontane Scham über das Getane intellektuell durchgearbeitet hat, empfindet Shevek kein Schuldgefühl mehr. Vielleicht muss man das mit dem in diesen Dingen wirklich bösartigen Zeitgeist der 70er Jahre erklären, trotzdem hinterlässt diese mehr oder weniger beiläufig entschuldigte Vergewaltigung einen üblen Nachgeschmack. Aber bevor ich mich hier zu sehr zum Richter aufschwinge: Mir selbst ist bei meiner Lektüre vor 40 Jahren diese Szene offenbar nicht so sehr gegen den Strich gegangen, dass sie mein Urteil über das Buch geprägt hätte. Ich sie mir nicht einmal gemerkt. So ist das mit dem Glashaus und den Steinen.

Ursula K. Le Guin
Freie Geister. Eine zwiespältige Utopie

Frankfurt a.M. 2017 (Erstveröffentl. 1974)


macht Spaß zu lesen

Buchcover

© Fischer Verlag

Paperback (21 €)
424 Seiten
ISBN 978-3-596-03535-9

Der erste Satz (und der zweite)
„Zwei Uhr dreißig am Morgen und immer noch kein Signal. Der Amerikaner wartete in seinem beengten kleinen Raum; wartete auf die Kennung, die ihm anzeigen würde, dass London sich meldete.“

2026-06-09
Die Geschichte spielt in einem trostlosen, apokalyptischen Großbritannien, das von einer faschistischen Diktatur und allgegenwärtigem Mangel zerfressen wird. Die graue Trostlosigkeit wird in der fast 150 Seiten langen Exposition so überzeugend rübergebracht, dass mich beim Lesen allmählich eine depressive Verstimmtheit überkam, bis endlich die Quest der einsamen Heldin Ellen mehr Fahrt aufnahm. Ellen versucht erst widerwillig, dann mit immer größerer Entschlossenheit das rätselhafte Vermächtnis ihre ehemaligen Mentors erst zu entschlüsseln und dann zu finden, während die Staatssicherheit sie gängelt, instrumentalisiert, verprügelt und schließlich töten will. Ellen schafft es am Ende mit Hilfe ihres Ex-Ehemanns, schickt ihren zwischenzeitlichen Lover zur Hölle und wird endlich beziehungsfähig. Soviel zu den Geschlechterbeziehungen in der Zukunft. Die Story setzt die Verlangsamung der Erdrotation bis zum finalen Stillstand an den Anfang. Großbritannien liegt zufällig in der einzig noch bewohnbaren schmalen Zone zwischen der ewigen Eiswüste auf der dauerhaft sonnenabgewandten Seite und der Gluthölle auf der dauerhaft sonnenzugewandten Seite. Unmittelbar nach dem Brexit geschrieben lag für den Autor wohl die Idee nahe, dass Großbritannien sich als Festung gegen alle Flüchtlinge abschottet und ausnahmslos alle Schiffe versenken lässt, die auf die Insel zusteuern. Und dass die britische Diktatur Strafkolonien an der französischen Küste unterhält, wohin alle trotzdem durchgekommenen Flüchtlinge (und alles Dissidente) abgeschoben werden, um dort als Sklav*innen in der Landwirtschaft zu schuften oder zu verrecken, auch das spiegelt Versatzstücke des britischen Migrationsdiskurs. Das Szenario wirkt also erst einmal ganz stimmig. Allerdings leuchtete mir nicht ein, warum die neuen Klimabedingungen nicht in allen Zonen, die auf den selben Längengraden liegen wie Großbritannien – Spanien, Westfrankreich, Elfenbeinküste oder Neuseeland auf der anderen Seite der Erdkugel – eine reale Überlebenschance gewähren, warum hier überall die menschliche Existenz zusammenbricht. Letztlich wird die initiale Setzung des Romans, dass nur das abgeschottete Großbritannien den Erdstillstand überleben konnte, nur glaubhaft, wenn man dessen Insellage als Schutzwall gegen alles Übel („splendid isolation“) als Glaubenssatz akzeptiert. Nun darf Fiction auch krudes Zeug einfach voraussetzen, solange sie sich konsequent im Rahmen der eignen Setzung entfaltet. Und das tut die Geschichte die meiste Zeit, wie sie sich auch über weite Strecken ganz angenehm liest. Gerade die retrospektive Schilderung der langen Jahre des immer stärkeren Abbremsens der Erdrotation und ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen ist echt beeindruckend gelungen. Am Ende aber werden neue Löcher in der Logik aufgerissen, wenn einerseits aufgrund des Abbruchs der Lieferketten und des Fehlens eigenen Produktionsstätten weder die U-Bahnen weiter betrieben, noch lebenswichtige Medikamente hergestellt werden können, andererseits aber eine Sechs-Mann-Abteilung des britischen Innenministeriums ein geheimes Hightech-Programm im Alleingang erfolgreich in den Weltraum bringt. Andere Baustelle: Warum braucht ein britischer Diktator unbedingt US-amerikanische Atomwaffen, wenn er doch eigene hat? Sei‘s drum, das Lesevergnügen nimmt nach dem ersten Drittel deutlich zu und ich kam viel zu spät ins Bett, weil ich unbedingt des Rätsels Lösung noch wissen wollte. Sieht man also über die Inkonsistenzen hinweg, wird man kompetent unterhalten.

weiter zu den nächst älteren Einträgen
(2025-05-19 bis 2025-11-05)

Andrew Hunter Murray
The Last Day

München 2020


größtenteils gut zu lesen

Buchcover

© Piper Verlag

Paperback (17 €)
444 Seiten
ISBN 978-3-492-70584-4