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Islam und Fundamentalismus – Reizthemen auch für ‚Ausländerfreunde‘?

Günter Max Behrendt
Serdar Saris


Im Oktober 1994 veranstaltete die „Initiative für Internationalen Kulturaustausch (IIK)“ in Hannover eine wissenschaftliche Tagung mit dem Titel „Zur Geschichte der Arbeitsmigration. Soziologische und kulturgeschichtliche Aspekte der Arbeitsimmigration in die BRD seit den 50er Jahren“, an der wir als Moderatoren und Herausgeber der Tagungsdokumentation beteiligt waren. Der folgende Text erschien – mit dem Untertitel „Polemische Anmerkungen der Herausgeber“ – als unser Beitrag anstelle eines allgemeinen Resumees in der genannten Dokumentation (Zur Geschichte der Arbeitsmigration, Hildesheim, 1995, S.185-192).


Die Geschichte der Arbeitsmigration ist – wie jedes historische Thema von etwas größerer gesellschaftlicher Bedeutung – ein ungeheuer vielschichtiges Phänomen, das unter verschiedensten Aspekten angegangen werden kann. Bei der Konzeption der Tagung wurde versucht, dem Rechnung zu tragen, indem ein breites Themenspektrum und verschiedene Ansätze (biographisch, literaturtheoretisch, wissenschaftskritisch, individualpsychologisch, sozialpolitisch etc.) berücksichtigt wurden. Und doch scheint etwas wichtiges gefehlt zu haben, etwas, was den TeilnehmerInnen wirklich auf den Nägeln brannte.

Als Moderatoren mußten wir feststellen, daß sich bei den Diskussionen im Anschluß an die Referate eine Art ‚geheimes‘ Thema der Tagung etablierte, nämlich die Auseinandersetzung mit dem Islam. Zu unserem Erstaunen – und manchmal zum Verdruß der ReferentInnen – griffen die TeilnehmerInnen auch nach Beiträgen, die unter ganz anderen Leitmotiven präsentiert worden waren, wiederholt das Thema „Islam“, genauer gesagt das Thema „islamischer Fundamentalismus“, heraus. Ayfer Gönen beispielsweise hatte die Lebens- und Entwicklungsgeschichte zweier Generationen einer Familie in der Migration zu einem bewegenden Bericht über den fortschreitenden Verlust an Kommunikationsfähigkeit und eine bis zur Selbstdestruktion getriebene Aufopferung für ein immer fiktiveres Familienheil verdichtet. Teilweise unter zur Hilfenahme des Stilmittels fiktiver innerer Monologe präparierte sie die Entwicklungswege insbesondere der Frauen in der Familie heraus. Die mit zunehmenden Alter erfolgte, unspektakuläre Hinwendung der Elterngeneration zum Islam war dabei ohne besondere Gewichtung vermerkt worden.

Die Nachfragen der TeilnehmerInnen konzentrierten sich dann jedoch auf einen Nebenstrang des Referats, nämlich die Errettung des jüngsten Sohnes der Familie aus Drogenkriminalität und Spielschulden durch – nicht näher geschilderte – „islamische Kreise“. In einer zunehmend hitziger werdenden Atmosphäre spitzte sich die Debatte schließlich auf die Frage zu, ob „der Fundamentalismus“ eine Gefahr für Demokratie und Meinungsfreiheit (Stichwort: Salman Rushdie) in der Bundesrepublik sei.

Ähnliches ereignete sich nach Yasemin Karakasoglus Referat über die Ausgestaltung eines „Einwanderungslandes BRD“, in welchem sie – als einen unter vielen Punkten – die Forderung nach Anerkennung des Islams als gleichberechtigte Religion in der BRD angesprochen hatte. Auch hier entzündete sich anschließend die Diskussion im Plenum an der Frage, ob man mit einer staatlichen Gleichbehandlung des Islams nicht „dem Fundamentalismus“ Tür und Tor öffne. Auffällig schien uns der ungewöhnlich konfrontative und erregte Ton gerade bei diesem Thema, während sonst auf der Tagung eher ein gelassener, auf Konsens orientierter Stil vorherrschte. Die Konfliktlinie verlief dabei nicht ausschließlich zwischen Einheimischen und Zugewanderten, es waren auch einige der anwesenden MigrantInnen unter denen, die vehement gegen „den Fundamentalismus“ Position bezogen.

Von daher greift das vielfach zu hörende Argument, die Abwehr gegenüber dem Islam sei vor allem einem Mangel an Faktenwissen über ihn geschuldet, zu kurz. Über die Ursachen, warum gerade Einwanderer aus der Türkei und dem Iran den islamischen Fundamentalismus für eine so große Gefahr halten, daß sie jede selbstbewußte Äußerung islamisch-religiösen Selbstverständnisses global unter „Fundamentalismus“-Verdacht stellen, kann hier nur spekuliert werden. Leidvolle eigene Erfahrung im Heimatland mag im einen Fall eine Rolle spielen. Im Falle der Türkei ist sicherlich auch die kemalistische Version des Laizismus von Bedeutung, die zusammen mit den anderen sechs „Pfeilern“ des Kemalismus durch das jahrzehntelange ideologische Trommelfeuer des staatlichen Propagandapparats zur intellektuellen Grundausstattung bei sehr vielen Menschen in der Türkei gehört, nicht nur bei ausgewiesenen Kemalisten, sondern auch bei liberal Denkenden oder expliziten Linken. Und diesen in jungtürkischer Tradition stehenden Laizismus, der trotz aller Aufweichungserscheinungen seit dem Militärputsch von 1980 integraler Bestandteil der offiziellen Staatsdoktrin geblieben ist, zeichnet eine implizite Verachtung gegenüber dem Islam aus. Mustafa Kemals Diktum, daß es nur „eine Zivilisation“ gebe, nämlich die des Westens, und seine oft wiederholte Verdammung der Religion als Obskurantismus, der die türkische Nation jahrhundertelang in Verdummung gehalten habe, lassen keinen Zweifel daran, daß seine autoritäre Modernisierungsbewegung zusammen mit dem westlichen Modell von Moderne auch dessen Ablehnung des Islams als zivilisationsfeindlich übernommen hat.

Westlicherseits ließ und läßt man bei der pauschalen Verurteilung des Islams als ein Modernisierungshindernis geflissentlich außer acht, daß auch das – als Basis abendländischer Kultur fraglos akzeptierte – Christentum die wissenschaftliche „Entzauberung“ der Welt massiv behinderte und bis heute nicht aufgehört hat, sie zu bekämpfen. Es ist in dieser Hinsicht keineswegs ein bloßes Kuriosum, daß in einigen Bundesstaaten der USA die Frage, ob die Evolutionstheorie nach Darwin gelehrt werden darf, immer noch ein Streitthema ist. Auf die Bedeutung des christlichen Fundamentalismus wird noch weiter einzugehen sein.

Hinsichtlich des angeblich beharrenden und veränderungsfeindlichen Grundzuges „des Islams“ könnte man beispielsweise anführen, daß in der Vergangenheit auch Bestrebungen nach demokratischen Umwälzungen mit dem Koran legitimiert wurden. So etwa die jungosmanische Bewegung in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts, deren im europäischen Exil erscheinendes Organ den Titel Mesveret („Beratung“) trug. Man spielte damit auf eine Koran-Sure an, wo es nämlich auffordernd über das Verhältnis von Prophet und seinen Anhängern heißt: „und ziehe sie zu Rate in den Angelegenheiten.“(1) Mit dieser traditionellen Figur wurde das Verlangen nach einer konstitutionellen Beschränkung der Willkür des osmanischen Sultans Abdülhamit II begründet.(2) Aber weder dies noch der obligatorische Hinweis darauf, was die westliche Kultur der islamischen alles verdankt – von Mathematik und Medizin bis zur Übermittlung der griechischen Klassiker –, vermag gegen das anti-muslimische Ressentiment viel auszurichten, da es hier nicht um Fakten, sondern um emotional besetzte (Un-)Werturteile geht.

Anders können wir uns es jedenfalls nicht erklären, daß Menschen eine Gefährdung der Grundfreiheiten hier in der BRD durch einen islamischen Fundamentalismus für möglich halten, von der viel konkreteren Bedrohung durch einen christlichen Fundamen talismus in diesem Zusammenhang aber überhaupt nicht geredet wird. Es gibt in der BRD sehr wohl islamische Fundamentalisten, bloß kommt deren Wirken der deutschen Öffentlichkeit allenfalls in Form eines Sportunterrichtboykotts durch muslimische Schülerinnen zu Gesicht. Die Einführung der Scharia in der BRD hat bislang niemand gefordert. Es sind Mordanschläge in Algerien, Ägypten und in der Türkei, die die Angst schüren. Doch wo bleiben entsprechende Reaktion auf die Morde von christlich-fundamentalistisch motivierten Attentätern – die sich absurderweise als „Lebenschützer“ verstehen – an US-amerikanischen Ärzten, die die Schließung von Abtreibungskliniken in den USA erzwingen sollen? Radikale „Lebenschützer“ operieren auch in der BRD, zwar greifen sie noch nicht zu den Waffen, aber auch sie schüchtern abtreibungswillige Frauen ein und nehmen durch Lobbyarbeit massiv negativ Einfluß auf die Gestaltung der Politik in dieser Gesellschaft. Während die Mordtaten einzelner radikaler islamischer Gruppierungen offenbar ausreichen, um das Bild von einer ganzen Weltreligion zu prägen, tritt solche Undifferenziertheit umgekehrt im christlichen Falle nicht ein: Die im religiösen Wahn um sich schießenden (christlichen) Sektenmitglieder der Davidianer in Texas etwa galten allenfalls als kurios.

Von daher würde es die Diskussion qualitativ erheblich voranbringen, we nn das Klischeebild von dem einen, monolithischen „Islam“ und seinen zwischen Fatalismus und Fanatismus schwankenden „Glaubensstreitern“ endlich verschwände. Denn es gibt den einen Islam ebenso wenig, wie es ein Christentum gibt, vielmehr umspannen beide eine solche Vielzahl divergierender Strömungen, daß für beide weit mehr Differenzierungskriterien notwendig sind, als bloß die bekannten Scheidungen zwischen „Protestanten versus Katholiken“ bzw. „Sunniten versus Schiiten“.

Unstrittig ist wohl auch, daß eine Medienberichterstattung zum Thema „Islam“, die dominiert ist von Konzelmännern und Scholl-Latours, kaum dazu beiträgt, differenzierte Sichtweisen zu fördern. Wieso wird so etwas trotzallem toleriert? Halten wir uns doch sonst bei anderen Themen sehr viel auf unsere differenzierte und reflektierte Betrachtungsweise zugute. Und obwohl sich die überwiegende Mehrheit weiterhin noch sehr schwer tut und auf ihren ebenso unbeweglichen sowie uneinsichtigen Lebensstil beharrt, gelingt es immerhin etlichen in Fragen der Ökologie, des Geschlechterverhältnisses oder der Friedenspolitik eine stärkere Sensibilität zu entwickeln.

Was jedoch die Einschätzungen des Islams anbelangen, scheinen milieubedingte Differenzen, politische Einstellungen oder Altersunterschiede keinerlei Rolle zu spielen. Im „Feindbild Islam“ kommt eine fast alle Bevölkerungsgruppen umfassend Einigkeit zum Tragen.

Dabei ist der Islam keine Angelegenheit von ‚Exoten‘: Nach vorsichtigen Schätzungen sind etwa sieben Prozent aller Europäer Muslime. In Frankreich bilden sie mit drei Millionen noch vor den Protestanten die zweitgrößte Religionsgemeinschaft; in der BRD sind es um zwei Millionen und in Großbritannien rund 1,5 Millionen. Es spricht alles dafür, daß diese Zahlen in Zukunft noch steigen werden, da das reiche Europa auch weiterhin MigrantInnen aus den islamischen Ländern anziehen wird. Wir müssen uns darauf einstellen, auch in Zukunft mit einer religiösen Vielfalt zu leben. Da dieser Prozeß unumkehrbar ist, ist es erforderlich, vom Denken in Kategorien frontaler Konfrontation („Der Westen ist christlich und demokratisch, der Osten ist islamische Despotie.“) zu einer differenzierten Wahrnehmung zu kommen.

In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, die Vielfalt der Facetten des Islams zu realisieren. Auch wenn die Einheit des Islams von seinen Anhängern permanent betont wird, müßten auch Nichtmuslime wahrnehmen, daß der Islam eine lebendige, dynamische Religion ist, die sich in einem ständigen inneren Diskurs – durchaus auch krisenhaft – weiterentwickelt:

„Plakativ gesagt, reicht das Spektrum von dem Bemühen, den Islam zu modernisieren, bis zu Positionen von radikalen Islamisten, die Moderne zu islamisieren. Dabei sind die Islamisten, die den Islam als politische Ideologie verstehen und Gewalt als Mittel ihrer Politik einzusetzen bereit sind, nur eine von vielen Strömungen und selbst untereinander verschieden. Die Islamisten sind nicht etwa der zugespitzte Ausdruck ‚des‘ Islam – das ist sowieso eine unsinnige Konstruktion –, sondern eine bestimmte politische Kraft, die den Islam für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versucht.“(3)

Die Affären Rushdie, Nasrin und Nesin sowie die Bilder von terroristischen Aktivitäten der Islamisten außerhalb Europas rufen immer wieder nicht nachvollziehbare Ängste vor dem Islam hervor. Doch sind Gewalt und Terror keine ‚natürlichen‘ Elemente des Islam, sondern es ist die ökonomische Misere einiger islamischer Länder, die die dortige Bevölkerung in Scharen in die Hände der militanten Islamisten treibt. Denn diese allein bieten noch Hoffnungen auf radikale und schnelle Veränderung, nachdem die Mo-dernisierungsversprechung sowohl des westlichen Entwicklungsmodells, als auch der marxistischen „nachholenden Entwicklung“ gescheitert sind.

Auch hier in der BRD erleben wir, daß erst der Zustand der permanenten Stigmatisierung und Benachteiligung eine Welle der Re-Islamisierung unter den MigrantInnen muslimischer Herkunft hervorgerufen hat.(4) Natürlich bedient diese Reaktion die Klischees des diffusen Fremdenhasses breiter Bevölkerungskreise, doch es hieße, Ursache und Wirkung zu verwechseln, wollte man in der öffentlichen Äußerung muslimischen Selbstbewußtseins den Auslöser für solch eine latent rassistische Grundhaltung suchen.

Mit globalen Appell zu Toleranz und Akzeptanz wird man wenig erreichen, ebenso wenig mit „Einführungen in die Glaubenswelt des Islam“ – auch wenn etwas mehr Beschäftigung mit islamischer Geschichte sicherlich nicht schaden könnte –(5), woran es fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit der Verankerung anti-muslimischer Denktraditionen im Diskurs der westlichen Moderne selbst. Es wäre zu fragen, welche Funktionen der Islam als Projektionsfläche heterogener Eigenanteile im Prozeß der Moderne hatte. Das kann hier jedoch nicht geleistet werden.

Sollte allerdings das gegenwärtige Erschrecken über die Tendenzen zur Reislamisierung dazu führen, daß verstärkt über diese Zusammenhänge nachgedacht wird, dann hätte es zumindest in dieser Hinsicht unverhofft positive Ergebnisse gezeitigt.


Anmerkungen


1.
Der Koran (übersetzt von: Adel Theodor Khoury) Gütersloh 1987 S.53; 3. Sure Vers 159
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2.
Siehe: Lewis, Bernard The Emergence of Modern Turkey Oxford [u.a.] 19682 (Erw. Auflage, Erstveröffentl.: 1961) S.141
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3.
Hartmann, Thomas „Doppelmoral und Vexierbilder. Fünf Thesen zum Islam“ in: die tageszeitung Berlin 1995 (Ausgabe vom 7.3.) S.14-15; hier: S.14
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4.
Siehe: Schiffauer, Werner „Religion und Identität. Eine Fallstudie zum Problem der Reislamisierung bei Arbeitsmigranten“ in: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie Genf 1984 (Jg.10 Heft 2) S.485-516
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5.
Wer prüfen möchte, ob er/sie Wissenslücken in dieser Hinsicht hat, möge sich fragen, ob er/sie die vier Rechtsschulen der Sunna kennt oder sagen kann, was „Aleviten“ sind (es leben in der BRD immerhin circa 500.000 Aleviten türkischer Herkunft ). Antworten findet man (kostenlos!) in folgendem kleinen Büchlein, das die Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung verteilt: Antes, Peter Der Islam als politischer Faktor Hannover 1991 (zweite Auflage) [Aktuelle Anmerkung: Die Landeszentrale hat aufgrund radikaler Mittelkürzungen die kostenlose Bereitstellung von politischer Fachliteratur einstellen müssen.]
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Letzte Aktualisierung: 3. Februar 2001
Günter Max Behrendt
eMail: Max.Behrendt@t-online.de

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