Max sein SciFi-Blog

Persönliche Anmerkungen zu Science Fiction, so ungefähr

An dieser Stelle führe ich ein Logbuch über SF-Romane, die ich gelesen habe. Punkt. Mehr passiert hier nicht. Es kann auch vorkommen, dass ich retrospektiv früher einmal gelesene Bücher noch einmal hervorkrame. Aktualität ist kein Muss. Eines nur vorweg: Ich verabscheue Perry Rhodan! Auch wenn ich – getreu der Devise: „Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“ – zugeben muss, mit 14 weit über hundert Rhodan-Heftchen gelesen zu haben. Bis ich dahinter kam, was Faschismus ist.

Hinweis am Rande:

Anregendes aus dem Netz: Ein sehr sympathischer Blog fantastischeantike.de, ein ganz gradliniger SF-Podcast schriftsonar.de und ein wunderbar wuseliger Blog krearchiv.de. Letzte Entdeckung: die SF-Kolummne der Wiener Zeitung Der Standard.

Der erste Satz (und der zweite)
„Die fünf kleinen Schiffe kamen aus dem Schatten und erschienen mit der Plötzlichkeit von ins Sonnenlicht geworfenen Münzen. Die Scheiben ihrer Drehflügel flirrten wie Hitze in der Luft, und kurzlebige Regenbögen wölbten sich über Bewegungsprismen.“

2021-04-17
Eine schlichte Militär-ScienceFiction-Geschichte: Ein gebrochener Held, vom obersten Befehlshaber – dem unsterblichen Kaiser – verraten, kämpft sich gegen alle Wahrscheinlichkeit gegen vielfach überlegene Feinde durch. Als Gesellschaftsentwurf blutarm, die vage kapitalistische Zukunftsgesellschaft ist durch den Sieg über den Tod gespalten, in die, die ewig leben, und jene, die weiterhin sterben müssen. Wobei das ewige Leben sich seltsam unattraktiv anhört, nicht zufällig heißen die Supporter der lebenden Toten die „Grauen“. Denn zum einen muss man erst einmal sterben, um ewig zu leben und dann verläuft das neue „graue“ Leben in eher überschaubaren Bahnen, in denen Lust, Freude und Sinnlichkeit wenig Platz hat. Es gibt eine fadenscheinige Kritik am Luxus der Reichen und der Armut der Armen (arme Menschen haben keine Rolle im Plot), aber das geht kaum die Formel „gerecht ist das nicht“ hinaus. Mit großer Freude am Detail werden hingegen technische Vorgänge, insbesondere militärische Auseinandersetzungen in extenso geschildert. Die einzige Überraschung ist, dass es keine Überlichtgeschwindigkeit gibt, Lichtjahre zu überwinden, dauert eben Jahre. Aber es gibt translicht-Kommunikation – hier gibt sich der Autor allerdings wortkarg, wie das funktionieren soll, das muss man eben als gegeben akzeptieren. Die Erzählform ist standardisiert – man wechselt mit jedem Kapitel von einer Protagonistin zum anderen. Und es gibt eine zweite Zeitebene – zehn Jahre vor dem Haupthandlungsstrang. Aber auch hier finden sich dieselben Akteur*innen wieder, damit man auf keinen Fall verwirrt wird. Schön ist allerdings, dass auch die Gegenseite, die finsteren Rix, mit zwei Akteurinnen vertreten sind, und man die Schachzüge beider Seiten auf einander zulaufen sieht. Sehr früh wird klar, dass der Kaiser ein falsches Spiel spielt, er hat ein Geheimnis, das unter keinen Umständen offenbar werden darf – und ebenso klar ist, dass der Held es kurz vor Ende der 827 Seiten offenbaren wird. Ihm ist eine Liebesgeschichte gegönnt, die sogar in gewisser Weise Movens der Handlung ist, denn der Held will gar nicht heldisch sein, sondern nur zurück zu seiner Geliebten, deshalb muss er halt Monster-Mega-Kampfschiffe der Gegner mit Hilfe von Weltraummüll, Büroklammern und Klebeband ausschalten, übelste Verschwörungen überleben und sich mit den philosophische Grundprobleme des Lebens und des Todes rumschlagen usw. Der Autor nimmt diese Seite seiner Story selbst nicht sonderlich ernst, sie gibt ihm einfach nur Gelegenheit, auf immer neue Weise wüsteste Weltraumgefechte zu entfalten, daran hat er offenkundig den meisten Spaß. Glücklicherweise gibt es noch eine zweite Liebesgeschichte, die viel überzeugender ist: die eine überlebende Rix-Kämpferin des Kamikaze-Angriffs auf das Reich des Kaisers, mit dem der Roman beginnt, nimmt eine einfache Soldatin als Geisel und die beiden verlieben sich. Was schwierig genug vorzustellen ist, weil die Rix übermenschlich starke Cyborgs nach Art der Borgs sind, die ähnlich emotional kompetent sind wie Seven of Nine nach zehn Jahren Resozialisation an Bord der Voyager. Und trotzdem lässt man sich viel lieber auf diese Amour fou ein als auf das elegische Liebesgeplänkel des schwermütigen Helden mit seiner telepathischen Senatorin, zumal die Rix-Frau h_rd und ihre geliebte Geisel Rana zusammen richtig was erleben, getrennt werden, wieder zusammenkommen, sterben, wiederauferstehen und all das, was man so tut, wenn man schwer verliebt ist, während Held und Heldin gerade mal drei Nachrichten über einen Abgrund von Dutzend Lichtjahren austauschen dürfen. Alles in allem: abschnittsweise echte Pageturner-Qualität, vor allem die spannend beschriebenen Weltraumgefechte, die auf Dauer allerdings etwas ermüden. Und natürlich erweist sich am Ende, dass geplant war, noch ein, zwei Folgebände zu schreiben. Also endet das Buch mit einem Kliffhänger. Nur hat der Autor offenbar vergessen, den nächsten Band zu schreiben. Das könnte man unbefriedigend finden, mich hat es nicht gestört. Ach ja, es gibt natürlich auch eine allmächtige Künstliche Intelligenz, wie konnte ich das vergessen, ohne KI kam selbst 2006 schon kein SF-Roman mehr aus.

Scott David Westerfeld
Weltensturm

München 2006


größtenteils gut zu lesen

Buchcover

© Heyne Verlag

Paperback (nur noch antiquarisch)
827 Seiten
ISBN 978-3-453-52507-8

Der erste Satz (und der zweite)
„Ein geiler Arsch rettete Calvary Doyle das Leben. Der geile Arsch zockelte, zusammen mit dem auch nicht üblen Rest, die Marylebone Road entlang, Richtung Park.“

2021-01-17
Ein zweiter Band einer Roman-Serie – leider sagt das fast schon alles über dieses Buch. Der erste Band Hologrammatica war recht aufregend gewesen, er spielte mit dem Cyborg-Thema, ließ Geschlechterwechsel im Minutentakt zu und blieb bis zum Schluss rätselhaft, unvorhersehbar. Also habe ich es gewagt, auch Band 2 zu lesen. Immerhin macht Hillenbrand nicht den Fehler, einfach weiterzuerzählen, wo Band 1 aufgehört hat, sondern wechselt die Hauptfigur. Fran – in Band 1 nur eine, wenn auch wichtige Nebenfigur – wird zur Hauptdarsteller*in (hier macht das Gender-Sternchen 120 Prozent Sinn). Und es braucht eine Weile, bis man merkt, dass das Buch die vorige Geschichte dann doch weitererzählt. Aber schon der Eröffnungsclou, dass nur seine reflexhafte Spannerlust dem Opfer eines Anschlags das Leben rettet, weil er seinen Kopf dem „geilen Arsch“ hinterher dreht und so die ihm zugedachte Kugel sein Gehirn nicht gänzlich zerstört, erweist sich später als Unsinn. Denn die unendlich kluge KI, die die Killerdrohne steuerte, wollte ohnehin, dass das Opfer überlebt, Ziel des Anschlags war nämlich, sein Gehirn gerade so sehr zu beschädigen, dass es durch einen Quantencomputer ersetzen werden musste. Der „saftige“ Start – nichts als überflüssige Effekthascherei. Die ganze Geschichte mit den hochleistungsfähigen Quantencomputern als Gehirnersatz war schon der Clou des ersten Bands, dieser Dreh machte Körperwechsel erst möglich, Frau wird zu Mann, zu Frau usw. Man darf allerdings nicht darüber nachdenken, dass Computer Strom brauchen und daher die „Quants“ (Träger eines Gehirnersatzes) eigentlich regelmäßig Akkus aufladen müssten – was im Roman nie geschieht – aber ich habe in Band 1 gern darüber hinweg gesehen, also tue ich es hier auch. Leider fängt Hillenbrand mit diesen Körperwechseln nichts mehr an, was wirklich für die Geschichte wesentlich wäre. An einer Stelle gerät Hauptfigur Fran ziemlich in Stress, weil er/sie unbedingt in ein weibliches Gefäß wechseln muss, um eine bestimmte Person zu etwas zu verführen, was diese sonst angeblich nicht getan hätte. Nur ist diese Person ebenfalls ein Quant und daher – wie im Roman vorgegeben wird – „genderfluide“, also gar nicht binär festgelegt. Wozu dieser Körperwechsel gut war, zumal Fran sich am Ende die gewünschte Kooperation einfach mit einem Haufen Geld erkauft: egal. Genauso überflüssig ein ganzes Kapitel, das davon handelt, dass ein allmachtsverliebter Tycoon einen japanischen Hacker in den Tod hetzt, weil er bei ihm das Geheimnis des ewigen Lebens erhaschen will. Dass der Tycoon böse, böse und ganz erzböse ist, hatte man auch schon vorher kapiert. Und besonders überflüssig ist die Parallelhandlung, die in einem virtuellen Fantasy-Universum spielt. In Band 1 gab es ein ganz ähnliches Muster, aber dort gab die virtuelle Handlung der heimlichen und eigentlichen Heldin des Romans, Juliette Perrot, den notwendigen Raum, um ihre Geschichte zu entfalten. Hier ist die virtuelle Fantasyhandlung schon nach wenigen Kapitelhäppchen durchschaubar und für den Plot ohne Belang. Ach ja und der böse, böse Tycoon entgeht am Ende seiner gerechten Strafe nicht, selbst wenn dabei die Logik arg strapaziert werden muss. Alles in allem erinnert mich das Buch sehr an die Schwächen von Star Wars Teil 2, weil hier eben nur die Stränge von Teil 1 weitergeführt werden, aber nichts zu Ende erzählt werden darf, da ja noch Teil 3 kommen muss. Hillenbrand beherrscht das Schreibhandwerk souverän, produziert aber viel Massenware. Mein Fazit: Lest Hologrammatica und lasst diesen seriellen Aufguss beiseite!

Tom Hillenbrand
Qube

Köln 2020


kann man lesen

Buchcover

© Kiepenheuer und
Witsch

Paperback (12 €)
545 Seiten
ISBN 978-3-462-05440-8

Der erste Satz (und der zweite)
„Marnie Calvert nahm den Geruch schon im Wagen wahr. Er drang von außen durch die Lüftungsschlitze herein: ein Gemisch aus verkohltem Holz, oxidiertem Metall und geschmolzenem Kunststoff – Lino­leum vielleicht oder Teppichbeschichtung.“

2020-08-10
Dieses Buch habe ich nicht gelesen, sondern mir als Hörbuch vorlesen lassen. Die Hörbuchproduktion ist tadellos, der Vorleser ein talentierter Profi. Daran lag es also nicht, dass mich das Buch unzufrieden zurück ließ. Der Plot bewegt sich am Rande des eigentlichen ScienceFiction-Genres – die ganze Geschichte spielt nämlich in der unveränderten Gegenwart des Jahres 2015. Nur wird in dieser Gegenwart eine Technik entdeckt, die Blicke in die Zukunft erlaubt. Und diese Technik gerät in die Hände einer skrupellosen Geheimorganisation, deren Wurzeln selbstredend auf die Hitlerzeit zurückreichen. Und ruchlos, wie die Bösen nun einmal sind, manipulieren sie die Zeitlinie so, dass sie ihre autoritäre Eliteherrschaft im Jahr 2024 errichten können. Der Trick ist, dass sie mit dem Blick in die Zukunft all jene Gegner identifizieren, die sie 2024 oder davor aufhalten könnten, und sie 2015 einfach ermorden lassen. Tja und das hätte ja alles geklappt, wenn sie nicht Sam Dryden auf die Füsse getreten hätten. Denn gegen diesen einsamen Helden ist kein Kraut gewachsen. Sam Dryden ist nämlich ein ex-Elite-Soldat, ein Navy Seal oder ein Was-auch-immer, der es zur Not nur mit einem Bleistift in der Hand mit drei schwer bewaffneten Profikillern aufnimmt. Und die Bösen machen den Fehler, dass sie Drydens Army-Kameradin Claire entführen. Dryden nimmt den Kampf auf und siehe da: Er gewinnt. Im Finale erledigt er nicht nur 10 schwer bewaffnete Killer im Alleingang, sondern trickst auch noch einen Kampfhubschrauber zu Fuß mit dem guten alten „Links blinken und rechts abbiegen“-Trick aus. Das alles nimmt man ja gern hin, ist eigentlich genau wie damals in den unzähligen Pferdeopern, da erledigten auch die Helden im Alleingang ganze Indianerstämme und holten mit einem Schuß zwei Stuntmen von den Pferden. Aber hier geht einem das Morden dann doch irgendwann auf den Wecker. Ich habe nicht genau mit gezählt, aber Dryden bringt es in den drei Tagen, die Handlung umfasst, auf rund 25 Tötungen. Irgendwann mittendrin sagt Dryden zu einem seiner Unterstützer: „Wir sind die Guten!“, nachdem er gerade wieder eine Reihe von gedungenen Totschlägern erschossen hat. Die größte Schwäche ist aber, dass Lee bei allem Erzähltalent keine wirklichen Charaktere schildert, sondern stoische Actionfiguren durch die Handlung dirigiert. Und obwohl es in dem Roman auch zwei durchaus schlagkräftige weibliche Akteurinnen, Claire und Marnie, gibt, sind Frauen nur dekoratives Beiwerk. Marnie verliebt sich andeutungsweise in Dryden, aber mehr als Beschützen und aus der Klemme raushauen ist von Drydens Seite nicht drin. Die ganze Geschichte ist sehr spannend, die Leser*in wird vom allwissenden Erzähler meist mit etwas mehr Informationen gefüttert als der Held selbst und sieht so das Unheil immer schon kommen. Zwei Mal wird man aber auch selbst vom Autor sehr gekonnt an der Nase herum geführt, das ist gutes Handwerk. Alles in allem trotzdem nur ein mittelmäßiges Buch, die Figuren bleiben zu eindimensional und lassen einen letztlich kalt.

Patrick Lee
Das Signal

Hamburg 2016


kann man lesen

Buchcover

© Rowohlt Verlag

Paperback (10 €)
464 Seiten
ISBN 978-3-499-27150-2

Der erste Satz (und der zweite)
„Dechert stand am Kraterrand und schaute nach unten. Dionysius war ein Monstrum, drei Kilometer tief und weit genug, um Manhattan zu schlucken.“

2020-05-10
Routiniert geschriebener Whodunnit-Thriller, der sich unglücklicherweise unter der Hand in einen Militär-SciFi verwandelt. Einmal mehr rettet ein gebrochener Held die Seinen und nebenbei die Welt. Nur geht es elendig lang um das Kriegstrauma des Helden. Viel spannender wäre es gewesen, wenn der Autor versucht hätte, die ansatzweise vorhandene Liebesgeschichte zwischen dem Held und seiner Nummer zwei, der abgebrühten Sicherheitschefin seiner Mondstation, zu entwickeln. Aber Pedreira erlaubt dem Helden nur Tränen der Erleichterung, als sie final gerettet unter den Überlebenden ist. Sehr schade, Pedreira hat durchaus lyrische Qualitäten, die er aber leider vor allem zum Ausmalen der inneren Zerfressenheit und des abgrundtiefen Unglücks in der Seele des Helden nutzt. Als der Plot ungefähr auf der Hälfte der Strecke in die altbackenen Gleise des Militär-SciFi gleitet, wird es arg schematisch. Schon zuvor war viel Ablästern über die „Sesselpupser“ – ja, selbst auf dieses alberne Wort konnte nicht verzichtet werden – der Verwaltung dabei. Dann aber ist es ganz die Heldengeschichte der verratenen Frontschweine, die von unfähigen oder gewissenlosen Vorgesetzten in den Tod gehetzt werden, sozusagen die dystopische Variante der glorreichen Armee, die gegen alle Widerstände siegt. Hier schafft es der Held natürlich, die große Verschwörung der Geheimdienste, unfähigen & gewissenlosen Politiker (nein, in weiblicher Form kommen sie nicht vor) und sonstiger Arschlöcher aufzudecken und einen sinnlosen Krieg zu verhindern. Anti-Kriegsprosa geht anders. Geschlechterbeziehungen kommen einfach nicht vor – wie gesagt, die Sicherheitschefin als einzige weibliche Figur bleibt ein unnahbarer Klotz, halt ein echter Mann, nur ohne Schwanz. Männer unter sich, könnte man sagen. Der Roman liest sich aber trotzdem ganz gut weg, etwas längliche Ausschilderungspassagen kann man gefahrlos überspringen, sie dienen allein der Colorierung. Es bleibt die meiste Zeit spannend, nur kommt das furiose Finale 20 Seiten vor dem Ende, der Nachklapp soll schön zynisch sein, ist aber eher mager. Fazit: kann man lesen. Wer keinen Tiefgang verlangt, wird's nicht bereuen.

David Pedreira
Killing Moon

Köln 2018


kann man lesen

Buchcover

© Bastei Lübbe Verlag

Paperback (10 €)
349 Seiten
ISBN 978-3-404-17696-0

Der erste Satz (und der zweite)
„‚Mom, darf ich mir die Sterne anschauen?‘ Tessa sah von ihrer kleinen Werkbank auf und zu ihrer noch kleineren Tochter herunter.“

2020-05-01
Kein schlechtes Buch, nur unfassbar langweilig. Nein, „langweilig“ ist das falsche Wort, dafür braucht es ein komplett antiquiertes Wort wie „betulich“. Chambers war mit dem tollen Titel ihres Erstlings „The Long Way to a Small, Angry Planet“ angenehm aufgefallen, bloß hatte schon dieses vielgepriesene Werk einen Aufregerfaktor dicht bei Null, alles bewegt sich im Rahmen des absolut Erwartbaren und Erbaulichen. Immerhin gab es bei Small, Angry Planet hin und wieder Aktion. Bei Unter uns die Nacht passiert ausführlich nichts. Auch das kann ja große Kunst sein. Der Action-Faktor etwa von Solaris ist ja auch ausgesprochen niedrig und trotzdem erfährt man von ungeahnten Tiefen des Menschlichen. Nicht so bei Chambers. Ihre Miniaturen über Tessa, Eyas, Isabel, Kip und Sawyer wollen Entwicklungsstudien besagter Persönlichkeiten sein, was aber allenfalls bei den ersten beiden in Ansätzen gelingt. Chambers hat erkennbar große Schwierigkeiten empathisch mit männlichen Charakteren umzugehen, insbesondere die Zeichnung der Figur des Sawyers, der einen ziemlich unglaubwürdigen Tod sterben muss, wirkt wie eine kalte Stilübung. Man darf auch nicht allzulang über manches technische Detail nachdenken, das für den Plot wohl erforderlich schien, aber kaum einleuchten will. Gleich zu Anfang wird ein riesiges Weltraumhabitat leck gerissen und dekomprimiert tutto completto, Menschen sterben zu zehntausenden. Ausgelöst haben soll das alles ein fehlgeleitetes Shuttle, das aufprallte und die Hülle aufriss. Wie das bei einem in rotierende Segmente aufgeteiltem Schiff passieren kann, das nicht aus einem einzigen Innenraum besteht, sondern viele wahrscheinlich mit Schotten gegeneinander abgegrenzte Einzelräume besitzt, bleibt unerklärt. Aber Schwamm drüber – auch die Titanic ist untergegangen, trotz ihrer vielen mit Schotten abgegrenzten Rumpfsektionen. Nur wie es dann sein kann, dass in diesem total zerstörten Schiff Wohnräume auch nach Jahren noch so luftdicht verriegelt sind, dass sie Atmosphärendruck enthalten – das nicht zu wissen, wird dem Anfänger Sawyer zum Verhängnis –, da hilft dann auch keine noch so gutwillige Suspension of disbelief. Entweder das Schiff wird mit einem Leck komplett dekomprimiert oder die Wohnräume haben luftdichte Schotten und können den Schaden solch eines Unglücks eindämmen. Beides zusammen geht nicht. Völlig verzichtbar sind die Einschübe, die eine Alien-Perspektive auf die Reste der menschlichen Zivilisation der Zukunft bieten sollen. Dieser Part, der von einer Alien-Ethnologin handelt, die die menschlichen Weltraumhabitate zu Forschungszwecken besucht, ist noch handlungsärmer und langweiliger als der Rest. Es gibt gleichwohl auch Passagen dichter Schilderung, die mich gerührt haben, wie etwa die Beerdigung Sawyers, die überzeugend von einem Versuch der Wiederherstellung verloren gegangener Würde, der Sinngebung des Sinnlosen erzählt. Insgesamt jedoch versagt der Roman bei dem Entwurf einer Gesellschaft, die sich radikal am gesamtgesellschaftlichen Nutzen und Gebrauchs­wert orientiert und die Warenform hinter sich gelassen hat. Unter der Messlatte, die Ursula LeGuin mit Planet der Habenichtse gelegt hat, läuft dieser Roman glatt durch.

Becky Chambers
Unter uns die Nacht

Frankfurt / M. 2019


Kann man lesen, wenn nichts anderes da ist.

Buchcover

© Fischer Verlag

Paperback (9,99 €)
462 Seiten
ISBN 978-3-596-70262-6

Der erste Satz (und der zweite)
„Wenn man lange genug in den Abgrund schaut, wird einen der Abgrund verschlingen. Davon war Coanas Erzeuger immer überzeugt.“

2020-02-29
Ich lese in aller Regel auch schlechte Bücher zu Ende, allein schon, weil ich wissen will, ob ich wirklich die Wendungen des Plots komplett vorhersagen kann. Dieses Buch nun ist so schlecht, dass ich es nicht fertig gebracht habe, es bis zu Ende anzuhören. Ja, hören, denn diesen Roman habe ich als Hörbuch auf Spotify entdeckt. (Spotify hat eine sehr beachtliche Hörbuch-Bibliothek, die allerdings absolut erbärmlich erschlossen ist, aber das ist ein anderes Thema.) Ein männlicher Held mit Neigung zum Ungehorsam rettet das Universum. Selbiges ist bedroht durch eine Finsternis, die alles verschlingt, was sich ihr in den Weg stellt. Bald stellt sich heraus, dass es eigentlich nur ein hirnarmer Schwarm überlichtschneller „Fische“ ist, die dummerweise Sonnen als Hauptspeise verschlingen und Gasplaneten gerne als Dessert. „Die wollen nur spielen.“ Das dumme Militär wirft sich eifrig in die Schlacht und wird zerschmettert. Da muss der Held ran, der allein die rettende Idee hat. So weit, so MacGyver. Ich habe eigentlich nichts gegen „schlechte“ Bücher in dem Sinne, dass sie eine banale Standard-Handlung einigermaßen gekonnt erzählen. Perplies jedoch zeigt schon auf den ersten Seiten, dass ihm jede Idee fehlt, wie eine zukünftige Welt aussehen könnte. Selbst wenn er fremde Wesen von fernsten Planeten erfindet, spielt ein Lächeln um ihre Mundwinkel, wenn sie erfreut sind. Alles wird ihm zum Mensch – und zwar zum Mensch des 20. Jahrhunderts. Ein Crewmitglied, das einer nicht menschlichen Spezies („Rhinoa“) entstammt und als eine schrankgroße weibliche Variante des Hulk geschildert wird, trägt ihr Haar „militärisch kurz“. Ignoriert man einmal kurz die Frage, warum alle Aliens Haare auf dem Kopf tragen, war kurzes Haar eigentlich nur im 20. Jahrhundert klar mit „Militär“ assoziiert. Weder Alexander der Große, noch General Custer trugen kurze Haare. Aber Perplies bringt es fertig, selbst eine sechs Meter große Qualle mit telepathisch begabtem Megahirn in seiner Schilderung zum Mensch zu machen, indem sie bei passender Gelegenheit mit „herrischer Geste“ andere Artgenossen „zum Schweigen“ bringt. Besagte Wesen verständigen sich durch Geisteskommunikation, haben keine Augen, keinen Mund und keine Arme – aber benutzen „herrische Gesten“. Noch trauriger ist die Schilderung der „Fleuryl“, einer geschlechtslosen pflanzlichen Spezies, die gern mit Blättern raschelt. Hier wollte sich Perplies durch Verwendung eigens erfundener geschlechtsneutraler Pronomen („sieer“ statt „er“ oder „sie“) auf Höhe des Genderdiskurses zeigen. Tatsächlich jedoch wird keine andere Figur so eindeutig „weiblich“ geschildert, wie die Fleuryl-Diplomatenpersona, die in Perplies' Romanwelt die Verkommenheit der Politik darstellen darf. Die ganze Geschichte wird allein von hölzernen Dialogen vorangetrieben und ist so vorhersehbar, dass man in der Mitte des Buches bereits klar weiß, was am Ende passiert – genau, die 50 verschütteten Barakkaraner auf dem Erzminenmond müssen noch gerettet werden. Auch das erledigt der Held zuverlässig. Hätte ich vorher gewusst, dass der Autor auch einige Bücher zum Perry-Rhodan-Universum beigetragen hat, hätte ich gleich die Finger davon gelassen. Hier vergebe ich erstmalig keinen einzigen Stern.

Bernd Perplies
Am Abgrund der Unendlichkeit

Köln 2019


unterirdisch

Buchcover

© Bastei Lübbe Verlag

Paperback (10 €)
368 Seiten
ISBN 978-3404208753

Der erste Satz (und der zweite)
„In einem weißen Raum am Rand des Sinus Medii sitzen sechs nackte Teenager. Drei Mädchen, drei Jungen.“

2019-08-04
Toller Schmöker! Endlich mal wieder ein Versuch, die Zukunft zu denken – ein Gesellschaftsentwurf, der anders ist als das Heutige oder das Gestrige. McDonald sucht sich zudem ein Feld, auf dem das radikal Andere gebastelt wird, das bislang kaum jemand anderes beackert hat: das Recht. Auf dem Mond gibt es kein Kriminalrecht, es steht nichts per se unter Strafe. Es sind keine Normen gesetzt, die ein Rechterzwingungsapparat (= Staat) durchsetzt, sondern alles ist verhandelbar – auch die Tötung eines Menschen. Es gibt kein Recht auf Leben, keine Menschenrechte. Wer kein Geld mehr hat, erstickt, weil ihm oder ihr die Luft abgedreht wird, sobald kein Geld mehr fließt. Ein Mord kann also so laufen, dass man dem Sauerstoffversorgungsvertrag eines Menschen aufkauft, dem Provider viel mehr Geld bietet, als dieser vom Endverbraucher erhält, und dann die Luft abdrehen. Tötungen werden von keiner übergeordneten Instanz geahndet. Die Macht teilen sich fünf Firmen, die jeweils einem Clan gehören. Diese Clans bilden die Aristokratie, was heißt, sie haben Geld und kleine Armeen. Jeder Clan hat ein paar hundert Killer*innen unter Vertrag. Die Geschichte handelt nun vom endlosen Machtgerangel der Clans, die untereinander mal heiraten und dann wieder die Produktionsanlagen der anderen in die Luft jagen (oder genauer: ins Vakuum). Im Zentrum stehen die Cortas, die Underdogs unter den Clans. Auch das ist eine Besonderheit: alle Clans sind ethnisch verortet. Die Cortas sind Brasilianer, die Asamoahs sind Ghanaer, die Mackenzies sind Australier. Es wimmelt daher vor ungewohnten Orixás-Göttern und -Traditionen, Adinkra-Symbolen etc. Lustig für mich war, dass das Feld, auf dem sonst die avanciertesten alternativen Gesellschaftsentwürfe erschaffen werden, die Geschlechterbeziehungen, vom Autor einfach beiläufig abgeräumt wird: Auf dem Mond geht alles, wirklich alles: Die Ehe zu fünf, das schwule Paar, die Autoerotikerin, das Neutro, das vertraglich geregelte Vögelnetzwerk – anything goes! Geschlechterbeziehungen haben kein erkennbares Gewicht. Sex hingegen ist allgegenwärtig, spielt aber ebenfalls – bis auf eine ausführlich durchdeklinierte Szene – keine wichtige Rolle. Auch ist angenehm, dass der Autor eine stimmige Sprache für die wenigen Sexszenen hat, sie sind weder hyperpeinlich, noch stockkonservativ oder völlig stumpf. Irritierend bleibt ein Erzählstrang, der quer in diesem sonst sehr glaubwürdigen SF-Szenario steckt, weil es ein klassisches Fantasy-Topos ist: Der jüngste Sohn der Corta-Matriarchin ist ein Werwolf. Wozu das gut ist für die Geschichte, bleibt offen, weil sich das Buch am Ende mal wieder als Band 1 einer Reihe entpuppt. Ich frage mich, warum heute niemand mehr glaubt, eine Geschichte auf immerhin 500 Seiten vollständig erzählen zu können. Nach dem obligatorischen Kliffhänger kommt also die Werbung für Band 2 mit dem Titel: Wolfsmond. Es steht daher zu vermuten, dass dieser Fantasyplot im weiteren Verlauf eine größere Rolle spielen wird.

Ian McDonald
Luna

München 2017


macht Spaß zu lesen

Buchcover

© Heyne Verlag

Paperback (15 €)
511 Seiten
ISBN 978-3-453-31795-6

Der erste Satz (und der zweite)
„Mir ist schwindlig vom Reiswein. ‚Okay, teilt die Karten noch einmal aus‘, sagt James und lässt die Hand über den Tisch kreisen.“

2019-08-03
Variation auf ein bekanntes und bewährtes SF-Thema: die zerstrittenen Völker der Erde überwinden ihre Ego- und Patriotismen im Angesicht einer nicht-menschlichen Bedrohung. Hollywood hat das Thema besonders schön in Independence Day bebildert. Der Einigungsprozess findet hier nun auf dem Mars statt, und das wechselseitige Misstrauen der Amerikaner, Russen und Chinesen in einem sehr kleinen Mars-Habitat wird ausführlich zelebriert. So weit, so gut. Mein Interesse sank abrupt, als klar wurde, wie die Bedrohung nun wirklich aussah. Ungewöhnlich bleibt, dass der Geliebte der Heldin – ja, die Hauptfigur ist weiblich – nach der Hälfte des Buches tot ist. Kein Irrtum, kein Happy End. Um so weniger kann seine Spiegelung in einer KI im zusammenhangslos angepappten Epilog überzeugen. Alles im allem handelt es sich mehr um ein Drehbuch für einen Actionfilm als einen Roman. Cawdron macht sich nicht die Mühe zu ergründen, was 50 Jahre Entwicklung mit der Gesellschaft, mit den Geschlechterbeziehungen, mit den Religionen, den Modetrends oder der Musik, ja eigentlich mit überhaupt irgendwas machen. Alles ist genauso wie heute, nur dass dieses Heute auf dem Mars spielt, wo die Schwerkraft etwas geringer ist. Das ist enttäuschend. Dabei war das Szenario, dass die Nabelschnur zur Erde gewaltsam gekappt wird und die Marskolonie sich gezwungenermaßen eigenständig entwickeln muss, gut! Das hätte Potenzial gehabt. So lässt der Autor einen Krieg auf dem Mars wüten, bei dem es den Kolonist*innen offenbar völlig egal ist, ob für die Sieger*innen die nicht ins Vakuum gesprengten Ressourcen noch länger zum Leben reichen. Phasenweise ist die Action spannend, am Ende ärgert man sich nur noch.

Peter Cawdron
Habitat

München 2019


muss man echt nicht lesen

Buchcover

© Heyne Verlag

Paperback (13 €)
341 Seiten
ISBN 978-3-453-31963-9

Der erste Satz (und der zweite)
„Auch die Meuterer wären, wenn die Ströme nicht kollabiert wären, damit durchgekommen. Natürlich gibt es innerhalb der Gilde eine legale Vorgehensweise für eine Meuterei, ein Protokoll, das seit Jahrhunderten befolgt wird.“

2019-07-18
Ein 400-Seiten-Wälzer, der eindeutig als Teil 1 einer Roman-Serie angelegt ist, also mit einem abrupten Kliffhänger endet. Aber geschenkt, Science Fiction ist im 21. Jahrhundert ohnehin selten unter 1.000 Seiten zu haben. An Scalzis zynischem Grundton, den man auch für Humor halten kann, hat sich seit Krieg der Klone (2007) wenig geändert. Drei Hauptfiguren (allesamt Adelige, denen es nie an Kleingeld mangelt) steuern in recht vorhersehbaren Bahnen auf ihre Begegnungen zu. Etwas müde, anfangs sogar fast biedermeierlich ist der Handlungsstrang der Thronerbin wider Willen (Cardenia). Bis eine Bombe Cardenias einzige Freundin im Palast in Stücke reißt. Überhaupt brechen in Kollaps immer wieder brutale Tötungsszenen in die ansonsten etwas dialoglastig dahin plätschernde Handlung ein. Zwar müht sich Scalzi stets um eine ironische Brechung der ausschweifenden und hohlen Hofrituale, aber die Figur der Cardenia kommt auch nach hunderten Seiten aus ihrer Kleinkind-Rolle nicht heraus. Dass sie ausersehen ist, die Partnerin des edlen Provinz-Wissenschaftlers (Marce) zu werden, riecht man auf 100 Seiten gegen den Wind, aber wer wie ich auf ein romantisches Tête-à-tête hofft, wird auf Band 2 warten müssen. Dafür vögelt sich Heldin Nr. 3 (Kiva) durch ihren Handlungsstrang, ohne dass dieser Sex für die Story irgendeine Rolle spielen würde. Aber keine Angst, auch die prüdeste Leser*in kann das Buch gefahrlos lesen, denn jeder Doris-Day-Film ist expliziter als Scalzi. Lady Kiva wird ansonsten durch ununterbrochenes Fluchen gekennzeichnet, was aufgrund der geringen Variationsbreite der Flüche (sämtliche möglichen Ableitungen von „Fick“ und „Arsch“) mit der Zeit langweilig wird. Die häufigste Redewendung des Romans ist allerdings „sagte er“ oder „sagte sie“ – striche man diese Kombination aus dem Text, wäre er gefühlt um 30 Seiten kürzer. Alles in allem kann man das Buch lesen, die meiste Zeit wird man ganz gut unterhalten. Wer nicht mehr erwartet, wird nicht enttäuscht.

John Scalzi
Kollaps. Das Imperium der Ströme

Frankfurt am Main 2017


kann man lesen

Buchcover

© Fischer Verlag

Paperback (15 €)
416 Seiten
ISBN 978-3-596-29966-9

Der erste Satz (und der zweite)
„Auf Brin-2 gab es keine Fenster – durch die Rotation war ‚draußen‘ immer gleichbedeutend mit ‚unten‘, unter den Füßen, aus dem Sinn. Die Wandmonitore erzählten eine hübsche Geschichte, zeigten ungeachtet der ständigen Umdrehung eine zusammengesetzte Ansicht der Welt unter ihnen, so als würde der Planet bewegungslos im Raum schweben: ein grünes Juwel, entsprechend dem zwanzig Lichtjahre entfernten blauen Juwel ihrer Heimat.“

2019-07-01
Das Buch fing so gnadenlos schlecht an, dass ich es nach fünf Seiten schon fast beiseite legen wollte. Aber die Story kriegt dann doch noch den Bogen und wird recht spannend. Sie spielt auf zwei Ebenen, eine auf einem unfreiwilligen Generationen-Raumschiff und die zweite auf einem Planeten, auf welchem eine genmanipulierte Spinnenart die dominante Spezies wird. Man fühlt sich wiederholt an Eine Tiefe am Himmel erinnert, wobei Vernor Vinge das Thema einer nicht-menschlichen Entwicklung über viele Generationen reizvoller erzählt hat. Trotzdem ist der Spinnen-Teil der deutlich bessere, denn im Raumschiff-Teil stolpern die Hauptfiguren stoisch oder trottelig von einer Katastrophe zur nächsten, bis die Leser*in ermüdet oder gelangweilt ist. Die Jahrhunderte überdauernde Liebesgeschichte zwischen dem Historiker und der Ingenieurin rettet den Plot leider auch nicht. Die Auflösung am Ende ist recht lustig, aber auch diesen Twist hat man in dem Film Phase IV von 1974, als die Ameisen die Herrschaft übernahmen, schon gesehen. Insgesamt keine Empfehlung, aber bevor einem die Decke vor Langeweile auf den Kopf fällt, kann man auch diesen Roman lesen.

Adrian Tchaikovsky
Die Kinder der Zeit

München 2018


kann man zur Not lesen

Buchcover

© Heyne Verlag

Paperback (16 €)
672 Seiten
ISBN 978-3-453-31898-4

Der erste Satz (und der zweite)
„The Deliverator belongs to an elite order, a hallowed subcategory. He's got esprit up to here.“

2019-06-08
Ein früher Roman von Stephenson, von dem ich bis dahin nur die beiden deutlich aktuelleren Bücher Anathem (2010) und Amalthea (2018) gelesen hatte. Kurz vor dem Urlaub bekam ich Snow Crash nur auf Englisch, denn die deutsche Ausgabe ist lange vergriffen – da hätte ich früher aufstehen und ein gebrauchtes Exemplar jagen müssen. Aber ich dachte, mein Englisch ist gut genug, dann lese ich's halt im Original. Hustekuchen, sage ich nur, das Buch brachte mich fast noch mehr an meine Grenzen als The Yiddish Policemen's Union von Michael Chabon – und schon das war ein Höllenritt der Sprache. Aber Stephenson toppt das noch einmal, irgendwann habe ich es aufgegeben, jedes Wort und jede Slang-Redewendung verstehen zu wollen und bin einfach dem Flow der Sprache gefolgt. Das Grundkonzept, das sich erst relativ spät im Roman offen entfaltet, ist Held versus Anti-Held, Hiro versus Raven. So weit, so einfach. Das Setting, ein Los Angeles in naher Zukunft, ist allerdings alles andere als einfach. Es ist nicht plump apokalyptisch, es gab keinen Dritten Weltkrieg, statt dessen hat die ganze USA einen kompletten Rückzug aller Staatlichkeit durchlebt und die Welt funktioniert nun ohne übergeordnete staatliche Instanzen. An die Stelle des Staates sind Franchise-Ketten getreten, lustiger Weise ist die Mafia auch nur eine solche Franchise-Kette – sie dealt in Pizza, aber wer dem Chef, Onkel Enzo, dumm kommt, wird ganz wie früher erschossen. Jeder Pizzaladen wird auf diese Weise zu einem Mini-Staat, ein „Franchulat“, in dem nur die Regeln dieser Franchise-Kette gelten. Jede/r kann Mitglied eines oder mehrerer Franchise sein und genießt, solange er/sie sich auf dem jeweiligen Territorium aufhält, dessen Schutz und/oder dessen terrorisierenden Regeln. Kirchen, Hotelketten, Hardware-Stores oder Gated Communities – alles kann sich zu solch einem Franchise entwickeln. Und dann gibt es noch die „Kouriere“, ein Parcelservice, der wie eine High-Tech Surfer Gilde organisiert ist. Eine weibliche Figur, Y.T., ist so ein Kourier. Und Y.T. ist cool as cucumber! Sie ist die heimliche Hauptfigur des Romans. Y.T. ist zwar erst 15, aber sie radiert bei Bedarf ein halbes Agenten-Hauptquartier aus. Natürlich geht es auch um eine riesige Weltverschwörung, Hiro muss das Rätsel des Monotheismus und der Glossolalie lösen, wobei eine Kenntnis aller sumerischen Göttinnen echt hilfreich ist, aber in Wirklichkeit geht es um Y.T. Um so enttäuschender, dass ausgerechnet die coole Socke Y.T. eine Affäre mit dem irren Inuit-Killer Raven anfängt. Und Hiro bekommt am Ende – nachdem er in einem ganz klassischen Zweikampf gegen Raven angetreten ist – seine Traumfrau, nur lässt einen das kalt, weil diese Frau im ganzen Roman auf vielleicht 10 Seiten auftaucht. Liebesgeschichten sind nicht wirklich Stephensons Stärke. Aber die wilden Twists seiner Story sind unbedingt lesenswert! Und wenn man sich vor Augen hält, dass dieser Roman im Jahr 3 des Internets veröffentlicht wurde – 1992 hatte ich nicht mal eine eMail-Adresse! –, dann ist sein Entwurf eines zweiten, selbstgestrickten Lebens in der virtuellen Realität (hier: das Metaverse) schlicht genial. Stephenson hat das Ganze zwar nicht erfunden, aber er hat es auf eine Weise ausgesponnen, die auch heute noch standhält. Insgesamt: wild, weird, trashig und sehr unterhaltsam.

Neal Stephenson
Snow Crash

New York 2017 (32. Aufl., Erstveröffentl.: 1992)


gut zu lesen

Buchcover

© Del Rey Trade

Paperback (18 €)
in Englisch
559 Seiten
ISBN 978-0-553-38095-8

Der erste Satz (und der zweite)
„Die Scopuli war vor acht Tagen geentert worden, und jetzt war Julie Mao bereit, sich erschießen zu lassen. Sie hatte acht Tage in einem Spind hocken müssen, bis dieser Entschluss gereift war.“

2019-06-04
Ein echter Weltraum-SF-Roman – die ganze Geschichte spielt auf Asteroiden, Monden oder gleich in Raumschiffen. Es gibt auch Gefechte und Soldat*innen in Raumanzügen, die wild im Vakuum herum ballern. Aber das ist nicht der Hauptfokus dieser Geschichte, es ist die Geschichte zweier Männer, Holden und Miller, deren Leben aus den Fugen geht. Es gibt auch zwei Liebesgeschichten, allerdings liebt der eine, Miller, eine Art Untote (nein, es ist kein Zombie-Roman), mit der er in der zweiten Hälfte des Romans ständig Zwiegespräche in seiner Fantasie führt. Miller ist der klassische abgehalfterte Cop, geschieden, gescheitert und versoffen – ein Klischee, wie von Raymond Chandler geschrieben. Und dieser Cop entwickelt eine Obsession für einen seiner Fälle, eine spurlos verschwundene junge Frau. Holden ist mehr der klassische SF-Held, gut aussehender Erster Offizier eines Raumfrachters und Womanizer im Nebenberuf, der – kaum dass die Exposition beendet ist – selbst das Kommando übernehmen muss und regelmäßig übers Ziel hinausschießt. Seine Liebesgeschichte ist schön konventionell, er muss erst noch herausfinden, wen er wirklich will, aber das schafft er schon, keine Sorge. Rassismus ist ein Dauerthema im Roman und Corey geht erfreulich reflektiert damit um. Holden und Miller überstehen unfreiwillig zusammen wildeste Abenteuer, ohne je wirklich Buddies zu werden – wäre es ein Hollywood-Film, wäre das der Fluchtpunkt, auf den alles zustrebt – und auch das hat auch einen rassistischen Twist. Insgesamt ein gelungener Roman, der gekonnt die Balance hält zwischen Space Opera, Film noir und interplanetarer Schnitzeljagd. Selbst dass der Autor der Versuchung nicht widerstehen konnte, die Geschichte zu einem achtbändigen Romanzyklus auszuwalzen, stört am Ende dieses ersten Romans nicht, finden doch alle Handlungsstränge nach 650 Seiten ein befriedigendes Ende.

Postscriptum: Als ich diese erste Rezension schrieb, war mir weder bekannt, dass dieser Roman schon drei Jahre zuvor zu der US-amerikanischen TV-Serie „The Expanse“ verwertet worden war (die mittlerweile in die fünfte Staffel geht), noch dass Corey ein Pseudonyn für Daniel James Abraham und Ty Franck ist. Ändert alles nichts daran: Das Buch ist gut (die Fortsetzung nicht).

James Corey
Leviathan erwacht

München 2012


macht Spaß zu lesen

Buchcover

© Heyne Verlag

Paperback (15 €)
654 Seiten
ISBN 978-3-453-52931-1