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Fundamentalismus revisited

Ein Kommentar von Günter Max Behrendt



Der nachfolgende Kommentar wurde aus Anlaß eines Themenabends auf dem deutsch-französischen Kultursender ARTE vom 10.7.1997 für die tageszeitung (Berlin) geschrieben, aber schließlich doch nicht gedruckt.

Angst, Haß, Gewalt: Düstere Schlagworte hagelte es schon in der Anmoderation des dreistündigen ARTE-Themenabends „Wohin führt der Islam?“. Auf dem öffentlich-rechtlichen Kulturkanal wollte man Gründe suchen für den „immer größer werdenden Zulauf“, den islamische Fundamentalisten gegenwärtig erlebten. Das ZDF, das diesen Themenabend gestaltete, scheute keinen Aufwand: Vier aktuelle Reportagen wurden eigens hierfür produziert sowie eine illustre Prominentenrunde zur Live-Diskussion einbestellt. Das Ergebnis der Ursachenforschung teilte Moderator Martin Schulze allerdings schon mit, noch bevor irgendjemand anderes zu Wort gekommen war: Es sei die dramatische Arbeitslosigkeit unter den jugendlichen Muslimen, die die „Hoffnungslosen“ in die Arme derjenigen treibe, die ihnen eine bessere Welt versprächen. Sorgenvoll fragte sich Schulze schließlich: „Enden wir in einer Multi-Gewalt-Gesellschaft oder ist ein friedliches Zusammenleben noch möglich?“

Spiegel-Titelblatt 4-4-1997 Nicht von ungefähr werden da Erinnerungen geweckt an den unsäglichen SPIEGEL-Titel vom April 1997, in welchem mit einer suggestiven Collage von bewaffneten Halbstarken und Koranschülerinnen unter dem roten Halbmond das „Scheitern der multi-kulturellen Gesellschaft“ behauptet worden war. Neben der düsteren Tonlage gibt es jedoch noch einen weiteren gemeinsamen Nenner von SPIEGEL und ZDF bei diesem Thema, beide liessen sich nämlich inspirieren von einer aktuellen Studie des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer über die Verbreitung religiös fundierter Gewaltbereitschaft bei türkischstämmigen Jugendlichen. Mit Fragebögen und statistischen Prozeduren waren Heitmeyers Mitarbeiter gut 1.200 SchülerInnen in NRW zu Leibe gerückt und hatten dabei ein zum Teil erschreckendes Ausmaß an Zustimmung zu anti-demokratischen Positionen ermittelt. Seitdem die Studie („Verlockender Fundamentalismus“) im März '97 veröffentlicht wurde, sind die unheilkündenden Prozentzahlen in aller Munde. Gleich im ersten Beitrag des ARTE-Themenabends (Untertitel: „Lebensgefühl oder Terror?“) kam denn auch der Forscher selbst zu Wort. In 20-Sekunden-Häppchen zerhackt blieb jedoch kaum etwas hängen von seiner differenzierten Position, die die Ursachen des Fundamentalismus zunächst einmal in dieser Gesellschaft verortete. Was sich durchsetzte, waren die immer wiederkehrenden Bilder zehntausender fahnenschwenkender Anhängern der türkischen Islamistenorganisation „Milli Görüs“ bei ihrem Jahrestreffen Mitte Juni im Dortmunder Westfalen-Stadion. Kombiniert mit der drastischen Warnung, Milli Görüs plane, demokratische Staatsformen „auszumerzen“ (O-Ton Verfassungsschutz), blieb vor allem das Gefühl einer im Verborgenen dräuenden Gefahr zurück.

Der nachfolgende Beitrag über die türkischen Muslime von Berlin verstärkte diesen Eindruck noch. Im Hauruck-Verfahren (einzige Rechercheform: überfallartige Konfrontationen bei laufender Kamera) hatte der Journalist Werner Thies versucht, das Netzwerk der Berliner Muslime zu ergründen, und am Ende nur die Schablonen seiner xenophoben Weltsicht bebildert. Als vorbildlich präsentierte Thies etwa eine junge Radiomoderatorin („spricht besser deutsch als türkisch“), weil sie sich frei gemacht habe von den „Zwängen der traditionellen Erziehung“. Wer das jedoch noch nicht „geschafft“ habe, sei „anfällig für Extremisten aller Art.“ Und von denen wimmelt es – laut Thies – nur so, „versteckt in Hinterhöfen“, finanziert von radikalen Muslimbrüdern oder gar ferngesteuert aus Teheran – und das alles „mitten in Kreuzberg“.

Die theoretisch anspruchsvolle Position des Soziologen Heitmeyers scheint von solch grobschlächtiger Agitation – die kaum verhohlen nach totaler Assimilation ruft – Lichtjahre entfernt zu sein. Und doch treffen sie sich in einem Punkt: Für beide (und den SPIEGEL sowieso) sind die „Errungenschaften der Moderne“ fraglos gegebener Besitzstand der deutschen Mehrheitsbevölkerung, den sich die Zugewanderten erst noch aneignen müssen, um hier als kompetente Mitspieler/innen mittun zu dürfen. Bei Heitmeier klingt es bloß eleganter, wenn er von „Migrationsentwicklungen“ spricht, durch die „traditionale Integrationsmodi ‚eingeführt‘ werden“ in das, was er eine „posttraditionale moderne Gesellschaft“ nennt. Eine statisch gedachte „Tradition“, eingeschleppt aus der Türkei, prallt hier offenbar auf eine voll ausdifferenzierte, individualisierte „Moderne“ namens Deutschland, und wenn „wir“ nicht aufpassen – sprich: genügend Anreize für eine zügige Anpassung an das hiesige ‚hohe‘ Niveau schaffen –, dann darf man bald mit „riots“ (Los Angeles!) rechnen. Selbstverständlich finden sich in Heitmeyers Analysen auch Passagen, in denen komplexere Ansätze kenntnisreich diskutiert werden, doch wenn es zur Sache geht, in der konkreten Auswertung, dann setzt sich diese schlichte Defizit-Unterstellung durch. Von daher greift die Empörung einiger KollegInnen, Heitmeyer hätte doch wissen müssen, wie die Medien seine Untersuchung ausschlachten würden, deutlich zu kurz.

Was ist aus alle dem zu schließen?


Letzte Aktualisierung: 3. Februar 2001
Günter Max Behrendt
eMail: Max.Behrendt@t-online.de

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