Die osmanischen Gräber

Die osmanischen Gräber auf dem ehemaligen Neustädter Friedhof

Günter Max Behrendt

osmanische Grabsteine

© Max Behrendt

Abb. 1: Vorne links im Bild der Grabstein des Hammet

Im Schatten des Universitätshochhauses am Königsworther Platz stehen auf dem zur Grünfläche umgewandelten ehemaligen Neustädter Friedhof zwei unscheinbare Grabsteine dicht bei einander, denen man nicht ansieht, dass sie die ältesten bislang bekannten islamischen Grabstätten auf deutschen Boden markieren (Abb. 1). Es handelt sich um die Gräber zweier osmanischer Kriegsgefangener aus den Zeiten der Türkenkriege. Über den einen ist bekannt, dass er ein Lehensreiter (Sipahi) vermutlich aus der osmanisch-ungarischen Provinz Temeschwar war und „Hammet“ genannt wurde. Er geriet wenige Tage nach dem Entsatz des belagerten Wien 1683 bei Párkány an der Donau in Kriegsgefangenschaft. Über den anderen weiß man bislang nur, dass er „Hassan“ genannt wurde. Hammet kam auf noch nicht endgültig ungeklärten Wege, möglichweise im Gefolge des Welfenprinzes Georg Ludwig an den Hof in Hannover, wo er bis zu seinem Tode 1691 als Lakai diente. Über Hassans Weg nach Hannover und sein Schicksal hier ist nichts bekannt. Beider Bestattungen fanden aber nach muslimischem Ritus statt. Entsprechend wurden die ganz dicht beieinander stehenden Gräber im Volksmund allgemein „die Türkengräber“ genannt, denn nach damaligem Sprachgebrauch war der Begriff „Türke“ weniger ethnisch als religiös besetzt, weshalb ein zum Christentum konvertierter Muslim auch nicht mehr als Türke galt („gewesener Türke“).

Die Besonderheit dieser Gräber zeigt sich in der Aufmerksamkeit, die sie bei gebildeten Reisenden der damaligen Zeit erregten, wie dem folgenden Bericht eines Leipzigers, der Hannover im September 1692 besuchte, zu entnehmen ist:

„Ich habe daselbst ein Türkisch Grab gesehen / welches vor der Stadt ausserhalb des Gottes-Ackers nechst an der Mauren stehet. Der darunter liegende Türck ist in seinem Aberglauben dahingefahren / und ihm dieses mahl von seinen Glaubens-Genossen / deren viel aus Morea und Ungarn nach Hanover kommen / gesetzt worden. Mitten liegt ein breiter Stein / und so wohl zu Häupten als Fuß / ist ein hoher Stein auffgerichtet / an deren einem Teutsche / am andren Arabische Schrifft eingehauen.“[1]

Man beachte, dass der Autor mit dem Pseudonym „Antonio“ nur von einem, nicht von zwei Gräbern schreibt. Da der heute noch erhaltene und in deutscher Sprache beschriftete Grabstein des Sipahis Hammet das Todesjahr 1691 angibt, kann man wohl annehmen, dass „Antonio“ nur das Hammet-Grab angetroffen hat. Das zweite „Türkengrab“, das dem Kriegsgefangenen Hassan zugerechnet wird, muss später hinzugekommen sein. 1710 zumindest fand der Privatgelehrte und spätere Frankfurter Bürgermeister Zacharias Conrad von Uffenbach bei seinem Besuch in Hannover zwei Gräber vor, leider hinderte ihn die „hefftige Kälte“ des 12. Januars daran, diese eingehender zu inspizieren. Er schrieb in sein Reisetagebuch:

„Wir besahen auch die Orangerie, Fuhren aber ehe, als ich vermeynet hatte, wieder zuruck, als uns die strenge Kälte dazu nöthigte, und besahen gleich vor diesem Thore an dem Kirchhofe, die rechter Hand aufgerichtete Türkische Begräbnis, von deren einer Tenzel in monathlichen Unterredungen Th.IV. A.1692. p.815 etwas meldet. Es sind aber deren nunmehro zwey. Ich hätte die Aufschriften gern abschreiben lassen, wenn uns nicht die hefftige Kälte davon abgehalten hätte.“[2]

Von Uffenbachs Absicht, die Grabinschriften kopieren zu lassen, wurde erst Mitte des 18. Jahrhunderts vom Kammerschreiber Johann Heinrich Redecker umgesetzt. In seiner Handschrift Historische Collectanea von der Königlichen und Churfürstlichen Residentz-Stadt Hannover notierte er für das Jahr 1691 Folgendes:

„In diesem 1691. Jahr starb der Türke Hammet, welcher der Hertzoginne Laquayen-Dienste gethan; Er ward bey dem vor der Stadt liegendem Neustädter Kirchhofe, außen and deßen Mauer, auf der Seite nach dem Schützen-Plan hin gegraben, das Grab ist mit vier Steinen, eine Elle hoch über der Erde eingefaßet, selbige mit Erde gefüllet, und an den beyden Enden wurden zweene etwas höhere Steine, einer mit türkischer, der ander mit deutscher, schlecht gefaßeter Schrift, in Lateinischen Buchstaben, so neben dem Zierrath erhöhet gehauen, gesetzet.“[3]

Grabstein des Hammet

© Max Behrendt

Abb. 3: Grabstein des Hammet mit deutscher Inschrift

Darunter setzte der Kammerschreiber eine detailreiche Abzeichnung beider Grabsteine samt ihrer Inschriften und fügt hinzu: „Stein, so nach der Stadt zu, zu Osten stehet“ bzw. „Stein, so im Westen stehet“. Redecker beschreibt hier also das typische Grab eines Muslimen mit Kopf- und Fußstein sowie (ungefährer) Ausrichtung nach Mekka. Allerdings wurde Hammets Grab offenbar schon in den ersten 60 Jahren seiner Existenz verändert: An die Stelle des „breiten Steines“, der die eigentliche Grabstelle 1692 noch bedeckte, ist bloße Erde in einer niedrigen Seitenumfassung getreten.

Während dem Hammet-Grab also als historischem Dokument oder bedeutsamer Kuriosität viel Aufmerksamkeit zuteil wurde, heißt es über das zweite Grab auch bei Redecker nur lapidar: „[…] auch war um diese Zeit ein Türke, welcher gefangen, in Hannover, nahmens Hassan, der auch im Türkischen Unglauben blieb und circa An: 1691 starb. […Er] ward bei obigem in einem eben solchen Grabe beerdigt.“[4]

Offenkundig wusste Redecker über beide Kriegsgefangene nicht viel mehr, als ihm die Inschriften der Gräber selbst offenbarten. Und während der deutsch beschriftete Stein des einen Grabes recht detailliert festhält, wo und wie Hammet gefangen genommen worden war und was ihm danach widerfuhr (Abb. 3), enthielt das andere keinerlei Inschriften, weder in deutscher noch in osmanischer Schrift. Dies können wir sicher daraus schließen, dass erstens der auch heute noch erhaltene Fußstein dieser Grabstelle im Textfeld vollkommen blank ist (das Fehlen einer Inschrift also nicht auf Verwitterung, Beschädigung oder absichtsvolle Löschung zurückgeht) und dass zweitens Redecker sich nicht die Mühe machte, einen der beiden Steine zu kopieren. Hätte der verlorene zweite Stein des Hassan-Grabs nämlich eine osmanische Inschrift getragen, hätte Redecker sicher nicht verfehlt auch diese wiederzugeben. Letztlich müssen wir uns allein auf Redeckers Notiz verlassen, dass der zweite verstorbene Kriegsgefangene tatsächlich den Namen Hassan trug, denn ein anderer Beleg hierfür ist bislang nicht aufgefunden worden.

Dass die beiden heute noch erhaltenen Steine von zwei verschiedenen Gräbern stammen und zwar jeweils den Fußstein derselben darstellen, lässt sich durch einen Vergleich mit historischen Fotografien beweisen. Besondere Bedeutung hat hierbei eine erst 2001 durch den Autor im Bildarchiv des Historischen Museums Hannover aufgefundene und nachstehend abgebildete Fotografie, die circa aus dem Jahr 1930 stammt. Denn anhand dieses Bildes lässt sich zweifelsfrei klären, dass der heute verschwundene, osmanisch beschriftete Stein exakt dasselbe Kopfdesign aufwies wie der heute noch präsente Stein mit deutscher Inschrift. Der zweite, inschriftenlose Stein, der heute auf dem Neustädter Friedhof noch anzutreffen ist, hat hingegen ein davon abweichendes, runderes Kopfdesign, was wiederum dem Stein links im Bild von 1930 entspricht.

Dieser Text wurde veröffentlicht in:
Hannoversche Geschichtsblätter (N.F.) Hannover 2006 (Bd.60) S.181-187 und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Anmerkungen:

1
Der Reisende gehörte zum Freundeskreis des Herausgebers der Monatlichen Unterredungen Wilhelm Ernst Tentzel (†1707). Zitiert nach: Monatliche Unterredungen einiger guten Freunde von allerhand Büchern und andern annemlichen Geschichten. Allen Liebhabern der Curiositäten zur Ergetzligkeit und Nachsinnen herausgegeben Leipzig 1692 (Jg.4 Heft Oktober) S.815
2
Uffenbach, Zacharias Conrad von Merkwürdige Reise durch Niedersachsen, Holland und Engelland 1701-1711 Bd.1 Frankfurt [u.a.] 1753 S.417f
3
Redecker, Johann Heinrich Historische Collectanea von der Königlichen und Churfürstlichen Residentz-Stadt Hannover / auch umher liegenden uralten Grafschaften Lauenrode, Wunsdorff und Burgwedel / 8. Julii, An. 1723 angefangen von dem Cammer Schreiber Redecker Hannover 1764 (Manuskript im Stadtarchiv Hannover Sign. B 8287g) S.728
4
ebenda S.712 und S.728
5
Neutürkische Transliteration: Bindoksanyedi yılında Temeşvar[?]
sipâhîlerden Mehmed Sipâhî
sekiz yıldan sonra vefât
eyledi rahmet ullâhi aleyh
ve dâimi ver rûhuna ma’rifeti.

Die weiter unten in der Randspalte folgenden Anmerkungen waren im Original-Text nicht enthalten. Sie wurden erst zur Veröffentlichung im Internet (2014) hinzugefügt.

Die wiederaufgefundene Fotografie ist aber auch deshalb von großer Bedeutung, weil sie die osmanische Inschrift des verlorenen Steins gut erkennen lässt, die bislang nur in Form der Nachzeichnung in der Redecker-Chronik bekannt war. An dieser Zeichnung haben sich etliche Fachleute vergeblich versucht, zuletzt hatte der Autor im Jahr 2000 acht ausgewiesene Expertinnen und Experten der Orientalistik, Islamwissenschaften und Turkologie in Deutschland und Österreich um eine Deutung gebeten. Sie alle meinten jedoch übereinstimmend, dass außer dem Namen Mehmed (Mehemmed > Muhammed > „Hammet“) praktisch alles zur Unkenntlichkeit entstellt sei. Vermutlich hat der damalige Steinmetz die arabischen Buchstaben nach einer handschriftlichen Vorlage kopiert, auf welcher einer der gebildeten Mitgefangenen Hammets den gewünschten osmanischen Text für die Grabinschrift festgehalten hatte. Der Text in der Redecker-Chronik hatte also schon eine zweifache Kopierung durch Unkundige der arabischen Schrift hinter sich, was die Fruchtlosigkeit der Übersetzungsversuche erklären mag.

osmanische Grabsteine

© Landeshauptstadt Hannover Stadtarchiv
Die Abbildung erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs.

Abb. 6: Redeckers handschriftliche Reproduktion der osmanischen Inschrift

Mehr Erfolg hatte ein türkischer Arzt namens Yektin Güran, der Ende der 80er Jahre in Hannover lebte. Er forschte als Freizeithistoriker über die osmanischen Gräber und mühte sich mit langem Atem um deren Erhaltung. 1988 fand er in einer hannoverschen Moschee einen kundigen Imam, der anhand einer Reproduktion der Zeichnung aus der Redecker-Handschrift folgende Übersetzung erstellte:

Zeile 1+2) 1097, Muhammet, der Sohn des Herrn Baki, einer der Zipaachies
aus unserer Ortschaft,
Zeile 3) ist nach acht Jahren abgelebt.
Zeile 4) Allahs Segen sei mit ihm.
Zeile 5) Derwisch aus Schemdinli

Diese Lesung hat sich mittlerweile zwar als insgesamt falsch herausgestellt, ist aber in Anbetracht der fast vollständigen Verstümmelung des Ausgangstextes eine höchst anerkennenswerte Leistung. Leider ist nach Auskunft von Dr. Güran, der heute in Istanbul lebt, der betreffende Imam schon länger verstorben. Seine Übersetzung blieb übrigens nicht folgenlos, denn mit ihrer Hilfe gelang es Dr. Güran zunächst das türkische Generalkonsulat in Hannover und dann das türkische Verteidigungsministerium von der Bedeutung der allmählich verfallenden Gräber auf dem ehemaligen Neustädter Friedhof zu überzeugen.

Allerdings lebte er selbst schon längst nicht mehr in Hannover, als die beiden noch erhaltenen Grabsteine endlich eine Restaurierung auf Kosten des Verteidigungsministeriums in Ankara erlebten und schließlich im Jahr 2000 an Ort und Stelle wieder aufgerichtet werden konnten. Bei dieser Gelegenheit wurde auch eine bronzene Gedenktafel in Deutsch und Türkisch hinzugefügt, auf welcher die Übersetzungsbemühungen des verstorbenen Imams Spuren hinterlassen haben. Denn der Text der Gedenktafel machte aus Hammet nunmehr den „osmanischen Zipaachie Derviş Mehmet aus Şemdin“ – einer Ortschaft im entferntesten osmanisch-kurdischen Grenzgebiet zu Persien.

Allerdings lebte er selbst schon längst nicht mehr in Hannover, als die beiden noch erhaltenen Grabsteine endlich eine Restaurierung auf Kosten des Verteidigungsministeriums in Ankara erlebten und schließlich im Jahr 2000 an Ort und Stelle wieder aufgerichtet werden konnten. Bei dieser Gelegenheit wurde auch eine bronzene Gedenktafel in Deutsch und Türkisch hinzugefügt, auf welcher die Übersetzungsbemühungen des verstorbenen Imams Spuren hinterlassen haben. Denn der Text der Gedenktafel machte aus Hammet nunmehr den „osmanischen Zipaachie Derviş Mehmet aus Şemdin“ – einer Ortschaft im entferntesten osmanisch-kurdischen Grenzgebiet zu Persien.

Doch anhand der wiederaufgefundenen Fotografie von 1930 konnte diese Verortung ausgeschlossen werden. Prof. Dr. Klaus Kreiser vom Lehrstuhl für türkische Sprache, Geschichte und Kultur der Universität Bamberg legte folgende Lesung der Inschrift vor:

Zeile 1) Der zu den [im Jahr] 1097 [A.H.=1685/86] in Temeschwar [ausgehobenen]
Zeile 2) Sipâhîs gehörende Sipâhî Mehmed
Zeile 3) starb nach acht Jahren
Zeile 4) die Gnade Gottes möge über ihn kommen,
Zeile 5) der seiner Seele auf immer die Erkenntnis [Gottes] gebe.[5]

Eine alternative Lesung wurde vom Islamwissenschaftler und Turkologen an der Albert-Ludwigs-Universität (Freiburg i.Br.) Prof. Dr. Jens Peter Laut gemeinsam mit seiner Kollegin Dr. Kurz erarbeitet:

Zeile 1+2) Der Sipahi [Reitersoldat] Mehmed, der seit dem Jahre 1097 [A.H.=1685/86]
als Kriegsgefangener gehalten wurde,
Zeile 3) ist acht Jahre später verstorben.
Zeile 4) Möge die Barmherzigkeit Gottes mit ihm sein!
Zeile 5) [unklar]

Aufgrund der hohen Übereinstimmung in wesentlichen Textbestandteilen darf man nunmehr als gesichert annehmen, dass erstens der Text in Osmanisch-Türkisch, der Sprache des osmanischen Heeres, abgefasst war. Zweitens, dass der Verstorbene den Rang eines Sipahis trug, also mit einem Timar (kleines, nicht-erbliches „Ritter“gut) belehnt worden war. Und drittens, dass er Mehmet oder Muhammed hieß, was seine deutschsprachige Umwelt zu Hammet verkürzte. Nicht endgültig geklärt, wenn auch recht wahrscheinlich, ist seine Herkunft aus der osmanisch-ungarischen Provinz Temeschwar (heute in Rumänien gelegen).

Rätselhaft muss vorerst auch das zweifelsfrei entzifferte Hedschra-Datum 1097 bleiben, das nach gregorianischem Kalender den Jahren 1685 oder 1686 entspricht. Denn wenn es das Jahr der Gefangennahme Hammets angeben soll, dann konnte er allenfalls sechs und keine acht Jahre bis zu seinem Tod 1691 in Hannover gelebt haben. Die Zeitspanne von acht Jahren ist aber zusätzlich zum osmanischen Inschriftentext auch in der deutschen Inschrift belegt. Auch erscheint die Gefangennahme bei der Schlacht von Párkány 1683 hoch wahrscheinlich, weil damals mehr als 5.000 osmanische Soldaten in Kriegsgefangenschaft gerieten und zudem ein hannoversches Truppenkontingent (Bataillon Palland) in Begleitung zweier Welfenprinzen beteiligt war.

Möglich wäre indessen folgende Deutung: Hammet wurde 1683 nicht direkt von hannoverschen Kombattanten gefangen genommen, sondern von anderen kaiserlichen oder polnischen Truppen. Da es damals durchaus üblich war, „exotische“ Kriegsgefangene wie Sklaven zu „verschenken“, könnte Hammets Weg an den Hof in Hannover über eine oder mehrere Zwischenstationen verlaufen sein, sodass er erst seit 1685/86 dort lebte. Eine Bestätigung dieser These muss allerdings der weiteren Forschung vorbehalten bleiben. Über Hassan schließlich darf man eigentlich nicht einmal seinen Namen als gesichert annehmen, denn der einzige Beleg hierfür in der Redecker-Chronik stammt aus einer Zeit etliche Jahrzehnte nach Hassans Tod, der zwischen 1692 und 1710 stattgefunden haben muss. Auch hier gilt es auf den Fortgang der Forschung zu hoffen.